Kitabı oxu: «Ein Arzt als Patient»
Dr. Wolfgang Wild
EIN ARZT ALS PATIENT
Engelsdorfer Verlag
2011
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detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
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Alles in diesem Buch Beschriebene ist die Meinung des Verfassers.
Sie ist kein Ersatz für kompetenten medizinischen Rat.
Jeder soll weiterhin für sein eigenes Handeln selbst verantwortlich sein.
Ähnlichkeiten mit tatsächlich existierenden Personen
und Schauplätzen wären rein zufällig und sind unbeabsichtigt.
Daher ist eine Haftung des Verlages oder des Autors für etwaige
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Copyright (2011) Engelsdorfer Verlag
Illustrationen © Monika Schiffel-Moosdorf
Alle Rechte beim Autor
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Widmung
Danksagung
Über den Autor
Vorwort
I. Wenn der Behandelnde zum Behandelten wird
II. Tagebuch eines Arztpatienten
Teil I
Fehler und Mängel beim Erhaltungsversuch meines linken Beines
1. Kapitel
Dezember 1997: Die Anfänge eines jahrzehntelangen Leidens
2. Kapitel
August 1998: Der erste Bypassverschluss
3. Kapitel
Dezember 1998: Das falsche Bett und die erste Komplikation
4. Kapitel
März 1999: Vorteil und Risiko neuer Medikamente
5. Kapitel
Dezember 2003: Die Sorge um mein Bein nimmt zu, und mein Hund ist eine Katze
6. Kapitel
Januar 2004: Hospitalinfektion und Wahlleistungsvertrag
7. Kapitel
September 2004: Die Lebensdauer eines Bypasses ist nicht unbegrenzt
8. Kapitel
Januar 2005: Eine Zahnbehandlung als „Bypasskiller“
9. Kapitel
März 2005: Am Wochenende hat jeder Mitarbeiter eine statt seine Aufgabe
10. Kapitel
14. bis 16. März 2006: Fallpauschale gegen Konsiliartätigkeit
11. Kapitel
17. bis 24. März 2006: Keiner ahnte die Gefahr
12. Kapitel
24. bis 31. März 2006: Zum Schluss steht jede Blutung
13. Kapitel
April 2006: Zum fehlenden Glück kam auch noch Pech hinzu
14. Kapitel
April 2008: Das Verfallsdatum meiner Gefäßprothese war längst überschritten
15. Kapitel
11. Juni bis 03. September 2008: Die längste stationäre Behandlung mit den ersten zwei entscheidenden ärztlichen Fehlern beim Erhaltungsversuch meines linken Beines
16. Kapitel
15. September bis 06. November 2008: Die letzte stationäre Behandlung meines Beines mit zwei weiteren entscheidenden ärztlichen Fehlern beim Erhaltungsversuch desselben
17. Kapitel
7. November 2008 bis 15. April 2009: Die häusliche Nachsorge und ambulante Rehabilitation
Teil II
Prostatakrebs, auch das noch
18. Kapitel
16. April 2009 bis 31. Mai 2009: Die Diagnose
19. Kapitel
1. Juni 2009 bis 1. Juli 2009: Die Behandlung
20. Kapitel
2. Juli 2009 bis 10. Januar 2010: Trotz gutem Operationsergebnis Enttäuschung und Sorge
21. Kapitel
11. Januar bis 31. März 2010: Die Strahlentherapie
22. Kapitel
1. April bis – (wer weiß das schon) Die Hoffnung stirbt zuletzt
Nachwort
Quellenverzeichnis
Für meine Enkel Damina und Gorjan
Ich danke meiner Frau und meinen Kindern
für ihre Unterstützung und Beratung.

Dr. Wolfgang Wild wurde 1943 in Leipzig geboren und studierte nach dem Abitur an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald Humanmedizin.
Seine weitere ärztliche Ausbildung (Facharzt, Promotion und Subspezialisierung) erfolgte an der Klinik für Chirurgie der Karl-Marx-Universität in Leipzig. Hier arbeitete er siebzehn Jahre lang als wissenschaftlicher Assistent und eröffnete nach der Wende eine eigene Praxis für Chirurgie und Unfallchirurgie. Aus gesundheitlichen Gründen musste er diese im Jahr 2008 an seinen Sohn übergeben.
Vorwort
In diesem Buch berichte ich über zwei verschiedene Krankheitsbilder. Eigentlich sind es keine Krankheiten, weil diese Anfang und Ende haben; – die hier geschilderten Erkrankungen sind Leiden! Sie haben einen Anfang, aber entweder kein oder ein schreckliches Ende, wie etwa ein Beinverlust oder eine Krebserkrankung.
Der Sinn meiner niedergeschriebenen Gedanken besteht im ersten Teil darin, den Umstand, auf der anderen Seite zu stehen, zu nutzen, um Behandlungsfehler zu erkennen, zu beschreiben und sich somit zum „Anwalt der Patienten“ zu machen∗13. Deutsche Gerichte haben jährlich rund zehntausend Fälle in Sachen Arzthaftung zu verhandeln17.
Es kommt mir nicht darauf an, die Behandlungsfehler zu personifizieren, denn eine Vielzahl derer liegt auch im System begründet23. Fehler, Irrtümer und Mängel kommen immer und überall vor. Von einem Nichtmediziner werden die meisten aber gar nicht wahrgenommen, weil sie nicht in jedem Fall einen spürbaren Schaden hinterlassen.
Im zweiten Teil versuche ich, Gedanken und Gefühle eines Arztes zum Ausdruck zu bringen, der sonst vor oder neben dem Bett stand, nun aber mit einer Krebserkrankung in selbigem liegt und nach einiger Zeit getrost von sich behaupten darf, über die Geißel der Menschheit so ziemlich alles zu wissen. Es werden Situationen geschildert, wie sie jedem täglich begegnen können.
Die Darstellung meiner Beobachtungen ist einfach und erfordert beim Lesen keine medizinische Vorbildung, da ich nicht für Ärzte, sondern vorwiegend für Nichtmediziner berichten will.
Besonders im zweiten Teil wird Dr. Rosenbaum, E. „Der Doktor“ oft zitiert, weil er in ähnlicher Weise über seine Kehlkopfkrebserkrankung berichtet hatte, und sein Buch 1992 von Annette Charpen aus dem Amerikanischen übersetzt wurde.
Die Namen der medizinischen Einrichtungen und Personen bleiben ungenannt.
I. Wenn der Behandelnde zum Behandelten wird
Der „kranke Arzt“ ist ein schwieriges und in der Literatur kaum bearbeitetes Thema. Wenige Autoren, davon meistens Ärzte, haben darüber berichtet, was es heißt, Patient zu sein10.
Ärzte sind von einer Aura unverletzlicher Stärke umgeben. Man erwartet, dass sie eine unerschütterliche Gesundheit besitzen3. Wir Ärzte aber sind ebenso verwundbar wie alle anderen Menschen auch. Unser Doktortitel macht uns keineswegs immun gegen irgendeine Krankheit von Körper und Seele13. Die Ärztekrankheit der Gegenwart ist das Burnout-Syndrom, eine schwere berufsbezogene Erschöpfung3.
Die betreffende Ärztin oder der betreffende Arzt müssen eigenverantwortlich für sich sorgen, denn schon im neuen Testament heißt es: „Arzt, hilf Dir selbst!“ (Luc. 4, 23)3
„Aber mit dem Wissen wächst der Zweifel“ (Goethe), denn wer Einsicht in diese Dinge hat, erkennt, dass die Objektivität einer Selbstdiagnose und die eines selbst erstellten Therapieplanes sehr zweifelhaft3 sein kann.
Diese Objektivität und kompetente Autorität, die gegenüber Fremden erforderlich sind, können schon bei Angehörigen und Freunden schwer durchsetzbar sein. Deshalb lehnen auch viele Ärzte die Behandlung dieses Personenkreises ab3.
Umso schwerer ist es für den Arzt, sich selbst als Patient anzunehmen. Da die Fachkenntnisse des kranken Arztes es ihm erlauben, die bedrohlichen Folgen einer Krankheit deutlich vorauszusehen, ist es sinnvoll, sich vertrauensvoll der festen Führung eines kompetenten Kollegen anzuvertrauen. Doch auch bei der Konsultation desselben können sich Probleme3 ergeben.
Thomas Ripke11/12 (1943-2001), der als Arzt für Allgemeinmedizin sein eigenes Kranksein im Internet bis kurz vor seinem Tod dokumentiert hat, berichtet darüber3: Häufig, so Ripke, wählt der erkrankte Arzt einen befreundeten Kollegen, oder einen, den er aus der fachlichen Zusammenarbeit als kompetent kennt. Diesem Arzt erzählt er seine Geschichte, und vermutlich tut er dies dissimulierend, verharmlosend und bagatellisierend, als ob er über einen gemeinsamen Patienten reden würde. Der behandelnde Arzt steht jetzt unter großer Gefahr, seinerseits mit Bagatellisierung und diagnostisch-therapeutischer Vernachlässigung zu reagieren3/11/12.
Es kann jedoch auch umgekehrt sein: Der privilegierte Patient, der kranke Kollege, wird überdiagnostiziert (Darmspiegelung bei Darmgrippe) und übertherapiert. Er leidet dann vielleicht bald mehr an den medizinischen Maßnahmen als an der ursprünglichen Krankheit3, 11, 12.
Zu diesen Problemen fand am 24./25. Mai 2001 auf Initiative von Dr. Thomas Ripke ein erster bundesweiter Workshop in Heidelberg und ein zweiter vom 03. bis 05. Oktober 2003 in Gütersloh statt.
Im Jahr 2001 charakterisierte Dr. Mäulen10 den „kranken Arzt“ treffend. Er sagte, dass ein Arzt auf die eigene Krankheit schlecht vorbereitet ist, die Patientenrolle nur schwer annehmen kann, immer genau informiert werden und über Diagnose und Therapie mitentscheiden will. Das wiederum setzt den Behandelnden unter Druck, sodass dieser sich schnell brüskiert fühlt. Weiterhin meint Dr. Mäulen10, dass der „kranke Arzt“ einen schnelleren Zugang zu Spezialisten bekommt, sein Leiden im eigenen Krankenhaus oder Wohnort ebenso zügig bekannt wird, und dass er sich Sorgen um seine Praxis, seinen Arbeitsplatz und seine finanzielle Situation macht. Die Einnahmen gehen zurück, es entstehen Stress und Druck nicht nur für ihn, sondern auch für die Angehörigen.
Viele arbeiten im Beruf weiter und entwickeln aus ihrer Krankheit neue Ansätze, beispielsweise Selbsthilfegruppen. Manche nutzen mitunter zusätzlich alternative Therapien, modifizieren ihren Arbeits- und Lebensstil und festigen ihre Beziehung zum Partner; oder es kommt gar zur Trennung, je nachdem, wie und ob er vom Partner und den Angehörigen unterstützt wird. Kriselt es vor der Krankheit in der Ehe, kommt es durch die neue Belastung zu weiterer Distanzierung. Fazit: Der „kranke Arzt“ zieht seine Lebensbilanz und geht die Veränderungen an10.
In Alfred Grotjahns Buch „Ärzte als Patienten“5 findet er vor allem die Gelassenheit bemerkenswert, mit welcher der ärztliche Patient dem Tod entgegensieht – eine Eigentümlichkeit des Arztes, die sich auch in anderen Fällen nachweisen lässt3. Dieses Buch schrieb Grotjahn5 1929, und noch achtzig Jahre später wird seine Meinung nebst anderen durch Thomas Ripke (Dokumentation seiner Krankheit im Internet bis dessen Tod) bestätigt11/12.
II. Tagebuch eines Arztpatienten
Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts.
Diese Erfahrung musste ich nach fünfundfünfzig Jahren relativ guten Befindens machen. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass ich mich einmal mit so vielen gesundheitlichen Problemen würde auseinandersetzen müssen. Somit kann ich folgende Worte des Philosophen Voltaire bestätigen: „In der ersten Hälfte unseres Lebens opfern wir unsere Gesundheit, um Geld zu verdienen. In der zweiten Hälfte unseres Lebens opfern wir das Geld, um unsere Gesundheit wiederzuerlangen.“
Meine Krankheiten hatten zur Folge, dass ich häufig Patient in verschiedenen Einrichtungen wurde. Ein Krankenhausaufenthalt kann für jeden plötzlich notwendig werden. Somit kann auch bei jedem irgendwann einmal eine falsche Behandlung erfolgen, denn es ist erwiesen, dass Schadensfälle ständig zunehmen17.
Solch ein Schadensfall oder sogenannter Fehler der ärztlichen Kunst (Kunstfehler) führt zu einer ungewollten Schädigung des Patienten und entsteht seitens des behandelnden Arztes sowohl im Glauben, das Richtige zu tun, als auch durch fahrlässiges Handeln oder Verletzen der Sorgfaltspflicht, in folgedessen der Patient durch Behandlungs-, Aufklärungs-, Dokumentations- und Organisationsfehler Schaden nimmt. In meinen 291 Tagen stationären Aufenthaltes wurde keiner dieser Fehler ausgelassen. So etwas kann aber nur ein „Arztpatient“ feststellen. Ein Nichtmediziner wird meist als zufriedener Patient entlassen und ist eine gute Empfehlung für diese Einrichtung, denn als medizinischer Laie merkte er gar nicht, in welcher Gefahr er war.
Nun will ich in zwei Abschnitten sowohl von meinem Beinverlust als auch von meiner Krebserkrankung tagebuchähnlich berichten.
Teil I
Fehler und Mängel beim Erhaltungsversuch meines linken Beines

Die Jagd nach dem runden Leder … (S. 15)
1. Kapitel
Dezember 1997: Die Anfänge eines jahrzehntelangen Leidens
Seit Jahren versuchte ich freitags meine Praxis pünktlich zu schließen, um am Abend zum Sport gehen zu können. Im Sommer spielte ich meist Tennis und im Winter vorwiegend Hallenfußball. Die Jagd nach dem runden Leder war schon in der Schule das, was ich am besten konnte. Einem Patienten hatte ich es zu verdanken, dass ich an jedem Freitagabend bei einer Altherrenmannschaft mitspielen durfte.
Obwohl ich im Alter von fünfundfünfzig Jahren auch bei den „Alten Herren“ der absolute Senior war, fügte ich mich, auch leistungsmäßig, schnell ein. Der Ablauf war immer gleich: aufwärmen, Mannschaften wählen und spielen.
Am fünften Dezember 1997 war ich etwas zu zeitig vor Ort und musste mich länger warm halten, denn die Halle war nicht geheizt. So kam es, dass ich mein Aufwärmprogramm durch Kniebeuge und Sprünge in die Hocke – beides seit Langem nicht mehr praktiziert – erweiterte.
Einige Zeit später kamen die übrigen Sportfreunde und bald begann das Spiel. Nach etwa zehn Minuten fühlte ich einen blitzartigen Schmerz im linken Bein. Zunächst dachte ich an eine Muskelzerrung und ging ins Tor. Aber auch dort konnte ich nur kurze Zeit bleiben. Der Schmerz nahm zu, und der vom Spiel warme Schweiß wurde von kaltem abgelöst. Ich verabschiedete mich nur mit einer Handbewegung und verließ die Halle. Keiner der Mitspieler wusste zu diesem Zeitpunkt, warum ich so plötzlich verschwand. Auch ich ahnte nicht, dass es ein Abschied für immer sein sollte.
Die Heimfahrt war abenteuerlich. Ich legte das schmerzende Bein auf das Armaturenbrett, weil ich annahm, dass eine Hochlagerung Linderung bringen könnte. Natürlich war das nur meine Hoffnung als „Patient“, denn der Arzt in mir sagte: „Bei einem Verschluss der Beinschlagader (Embolie) ist es egal, wie man das Bein lagert.“
Trotzdem versucht man als Arzt, den Gedanken, eine Embolie erlitten zu haben, zu verdrängen. Natürlich gelang mir das nicht, und der Schmerz nahm weiter zu.
Zu Hause angekommen, fragte mich meine Frau: „Warum kommst Du denn schon zurück?“
„Ich habe eine Embolie“, sagte ich, als würde es sich nur um eine Bagatelle handeln. Kurzes Schweigen ihrerseits, dann sagte sie: „Damit scherzt man nicht!“
Doch nach Scherzen war mir nicht zumute; sie entnahm es meinem schmerzverzerrten Gesicht. Als ehemalige Operationsschwester erkannte sie auch sofort die Gefahr, nahm das Telefon und erkundigte sich, wer gerade in der Klinik, in der sie einmal tätig gewesen und noch immer gut bekannt war, gefäßchirurgischen Dienst hatte.
Nun sollte ich an diesem Abend auch mal Glück haben: Der Chefarzt der Gefäßchirurgie war selbst am Apparat, und eine halbe Stunde später waren wir bei ihm.
Viele Jahre hatte ich im Krankenhaus gearbeitet und den größten Teil meines Lebens alles unter Kontrolle gehabt. Aber heute war es anders. Mein Schicksal lag nun zum ersten Mal in den Händen anderer. Mir war klar, was schief gehen konnte, ich kannte alle Probleme13, aber ich hatte keine Wahl.
Mit zunehmenden Schmerzen im linken Bein trafen meine Frau und ich auf der Gefäßstation ein, um kurze Zeit darauf vom Chefarzt dieser Abteilung untersucht zu werden. Mit dem Ergebnis, dass bei einer der drei Schlagadern, die den Unterschenkel und den Fuß mit Blut versorgen, kein Puls tastbar war. Der Arzt sagte: „Hier ist etwas runtergerutscht.“ Das war die harmloseste Umschreibung einer Embolie, eines Gefäßverschlusses, die mir je zu Ohren kam.
Das, was ich wusste, aber nicht wahrhaben wollte, war nun Realität, und trotz der freundlichen Formulierung der Diagnose war mir klar, dass nur eine Notoperation das Bein erhalten konnte.
Jetzt ging alles schnell: Zunächst musste ich zu einer Ultraschalluntersuchung. Inzwischen waren drei Stunden vergangen und die Schmerzen unerträglich geworden; ich brauchte schon während der Sonografie eine Schmerzspritze.
Im Ultraschall wurde die Ursache der Embolie deutlich sichtbar. Es war ein Aneurysma, eine Ausbuchtung der Hauptschlagader im Kniegelenkbereich. Diese Gefäßveränderung steckte voller Blutgerinnsel. Eines davon war während meiner Aufwärmübungen, besonders durch die Kniebeugen, gelockert worden und hatte sich gelöst. Dabei war es in die größte der drei Schlagadern des Unterschenkels „runtergerutscht“. Da das Lumen – also der innere Durchmesser der Gefäße – zur Peripherie hin immer kleiner wird, blieb dieser Blutpfropf schließlich im Bereich des Knöchels stecken. Damit war das Gefäß verschlossen.
Nun humpelte ich noch bis in einen Vorraum des Operationstraktes, wo ich notfallmäßig auf die Operation vorbereitet wurde. Dazu gehörten auch die vor jeder Narkose und Operation notwendigen Aufklärungsgespräche, die ich in meiner Lage als lästig und überflüssig empfand. In solch einer Situation hofft man auf schnelle Hilfe, und man stimmt allem zu.
Da man mir keine Vollnarkose sondern eine sogenannte „Rückenstichnarkose“ verpasst hatte, bekam ich mit, wie man mich in den Operationssaal fuhr. Zum ersten Mal in meinem Leben stand ich nicht am Operationstisch, sondern lag selbst auf einem solchen.
Im Saal war es relativ dunkel, trotzdem erkannte ich meine Frau und meinen Sohn. Sie durften anwesend sein, weil sie beruflich bedingt wissen, wie man sich in einem Operationssaal zu verhalten hat. Aber auch für sie war es eine neue Erfahrung, dass hier ein nächster Angehöriger operiert wird.
Am Anfang wurde ich vom Narkosepersonal, ein Arzt und eine Schwester, unterhalten und abgelenkt. Später bekam ich einen Kopfhörer. Nun konnte ich nicht mehr die Gespräche der Operateure verfolgen, sondern hörte klassische Musik. Schließlich wurde ich doch noch voll betäubt, als sich, wie ich vermutete, eine Klemme von der eröffneten Schlagader löste, und ich mein Blut fontänenartig gegen die über mir befindliche Operationslampe spritzten sah.
Es war schon in den frühen Morgenstunden des Nikolaustages, als ich allmählich, beim Rücktransport aus dem Operationssaal, erwachte. Während des Abtastens des operierten Beines mit dem rechten Fuß hatte ich den Eindruck, dass das kranke Bein schon in einer Holzkiste lag – so gefühllos, hart, kalt und hölzern fühlte es sich an. Nun dachte ich, die Operation sei misslungen, und ich könne an zukünftigen Nikolaustagen nur noch einen Schuh „raus stellen“. Natürlich weiß ich, dass ein Bein, welches fünf Stunden lang nicht durchblutet wird, in keinem anderen Zustand sein kann, aber – noch von der Narkose benommen – überwogen die Überlebensreflexe, und so klingelte ich nach einem Arzt.
Es kam der Operateur selbst zu mir, der sich wohl gerade mal in seinem Nachtdienst hingelegt hatte. Natürlich tat es mir im Nachhinein Leid, ihn bemüht zu haben.
Mit unterdrücktem Unverständnis und mäßiger Freundlichkeit bewies mir der Chefarzt mit einem Gerät, welches den Pulsschlag hörbar macht (Echo-, Ultraschall), dass alles regelrecht verlaufen war. Nun war ich beruhigt, obgleich mir klar war, dass es lange dauern konnte, bis sich Bewegung und Gefühl wieder normalisiert haben würden. Es konnten jedoch auch Restschäden verbleiben.
Über einen Katheter im Rücken bekam ich Schmerzmittel. So waren mir ein paar Stunden Schlaf vergönnt.
Als ich am Morgen erwachte, schätzte ich meine Lage13 und die Chance, das Bein behalten zu können, neu ein. Ständig überprüfte ich es, aber noch gab es keine Veränderung. Das operierte Bein lag weiterhin wie ein nicht zu mir gehöriger Gegenstand in meinem Bett.
Bei Tageslicht konnte ich nun mein Zimmer betrachten. Es war ein Einzelzimmer, sehr klein und nur mit dem Nötigsten ausgestattet. Ein Bett mit Nachttisch, ein Tisch mit zwei Stühlen, keine Gardinen und kein Fernsehgerät. Mir war klar – ich lag im Sterbezimmer! Gefragt habe ich natürlich nicht danach, aber ich war mir dessen sicher.
Während meiner Kliniktätigkeit war ich oft als Konsiliarius in eine andere Klinik gerufen worden, um mit dem Stationsarzt in einem solchen Stübchen über die weitere Verfahrensweise mit einem todkranken Patienten zu beraten. Damals war es auch, da ich infolge einer Leberpunktion selbst als Patient zwei Tage auf dieser Station verbringen musste. In der Absicht, mir etwas Gutes zu tun, wollte man mich genau in dieses Zimmer legen, was ich aber abgelehnt und einen Aufenthalt in einem Mehrbettzimmer bevorzugt hatte.
Im Jahr 1997 fiel der sechste Dezember auf einen Sonnabend. Somit begann das Sammeln meiner Erfahrungen als Patient in einer Klinik an einem Wochenende. Das merkte man an allen Prozeduren, obwohl ich noch keinen Vergleich zu einem Wochentag hatte.
Bei Frischoperierten allerdings, wie ich nun einer war, kam natürlich der diensthabende Arzt mit einer Schwester auch am Sonnabend zur Visite.
„Guten Morgen, Herr Kollege, wie geht es Ihnen?“
„Wenn man das operierte Bein ausklammert, gut. Wie lange wird es dauern, bis es wieder lebt?“
„In zwei bis drei Tagen ist alles wieder wie vorher.“
„Heißt das, ich kann weiterhin Skifahren, Tennis- und Fußballspielen?“
„Sie können alles machen, dürfen aber das Knie nicht über neunzig Grad beugen. Sie haben eine Kunststoffröhre als Schlagader in der Kniekehle. Ihre eigenen Gefäße waren wegen Ablagerungen an der Gefäßwand leider nicht geeignet. Das wäre natürlich besser gewesen.“
„Wie lange muss ich noch hierbleiben, und wie lange funktioniert ein solcher Bypass eigentlich?“
„In fünf bis sechs Tagen können Sie ambulant weiterbehandelt werden, und die Kunststoffbypässe sind erfahrungsgemäß etwa zehn Jahre lang funktionstüchtig. Haben Sie weitere Fragen?“
„Nein, danke.“
„Na dann, trotz allem, ein schönes Wochenende.“
„Danke, gleichfalls.“
Kurz nach dieser Visite kam eine Schwester zur Blutabnahme. Davor war mir nie bange, da ich gute Venen habe. Es gelang ihr auch gleich beim ersten Stich, die Nadel regelrecht zu platzieren. Abgelöst wurde der „Vampir“ von einer Mitarbeiterin, welche für die Wochenendreinigung der Zimmer und der Station zuständig war.
„Guten Morgen, Sie sind wohl neu hier?“, fragte sie.
„Ja, guten Morgen.“
„Wissen Sie, ich frage nur deshalb, ob Sie neu sind, damit Sie sich nicht wundern, wenn ich gleich wieder weg bin, denn am Wochenende werden nur Sichtreinigungen durchgeführt.“ Danach sprach sie noch über den allgemein bekannten Personalmangel, wünschte mir einen schönen Tag und ging.
Es dauerte nicht lange, da hörte ich Stimmen auf dem Gang: „Kaffee oder Milch, Käse oder Wurst …“ Und so weiter. Das war die Bedienung des Speisewagens.
Mich fragte man: „Möchten Sie auch ein gekochtes Ei?“
„Nein danke“, sagte ich. „Meine Gefäße seien verfettet, und da will ich mal auf Cholesterin verzichten.“ Das war natürlich eine typische Überreaktion nach der Ansprache des Arztes während der Visite, und schon zwei Tage später lehnte ich Spinat mit Ei nicht mehr ab.
Nun waren wohl alle Mitarbeiter des Sonnabenddienstes mindestens einmal in meiner „Stube“ gewesen. Dabei fiel mir auf, dass die Kleidung des Personals nicht einheitlich war. Man konnte die Oberschwester, abgesehen vom Alter, nicht mehr von einer Schwesternschülerin unterscheiden. Es wurden zwar Namensschilder getragen, die aber infolge des ständigen Herumhantierens ihrer Trägerinnen oftmals auch umklappten, sodass dem Patienten die nicht beschriftete Rückseite dargeboten wurde.
Als Arzt in einer Klinik hatte ich das nicht bewusst registriert, aber als Patient erkennt man so etwas auf Anhieb. Auch erinnert man sich, dass es einmal die Haube war, die eine Schwester in früheren Zeiten als solche kenntlich machte. Korrekt gekleidete Schwestern mit Haube sieht man aber nur noch auf Reklameschildern der Pflegedienste. Nicht nur hier, sondern in allen Bereichen, spürt man den Wunsch vieler Menschen, das Alte und Bewährte möge nicht auf-Teufel-komm-raus modernen Auffassungen einiger Wichtigtuer zum Opfer fallen.
Das Wochenende verging ziemlich schnell. Es kamen viele Besucher. Meine Familienangehörigen, die alle einen medizinischen Beruf haben, begutachteten das noch gefühllose Bein und machten mir natürlich Hoffnung auf Besserung, die dann auch am dritten Tag nach der Operation eintrat.
Da ich bereits nach fünf Tagen entlassen wurde, hatte ich nur kurze Zeit Gelegenheit, meine Betreuung und Versorgung zu überwachen, also aus ärztlicher Sicht einzuschätzen, denn auch in einem Krankenhaus werden trotz aller Vorsicht Fehler gemacht13.
Es ist nicht selten, dass bei der Verabreichung von Medikamenten oder anderen Tätigkeiten Irrtümer vorkommen13. Dies hielt sich aber bei diesem Kurzaufenthalt gegenüber späteren und längeren stationären Behandlungen in Grenzen. Wenn ich auf solche Fehler gestoßen bin, habe ich sie immer korrigiert13. Auch musste ich mehrfach die gleiche Auskunft geben. Daran erkennt man, dass wichtige Informationen nicht ausgetauscht werden; dass Mitarbeiter, die einen versorgen, nicht informiert sind, dass Maßnahmen doppelt zur Anwendung kommen, Anordnungen zu spät getroffen oder verspätet ausgeführt und andere Aufgaben dafür gar nicht erledigt werden13.
Die Krankenschwestern sind oft überarbeitet, weil die Einrichtungen immer mehr sparen müssen und weniger Personal beschäftigen13.
Nach meiner Entlassung am elften Dezember konnte ich das folgende Wochenende noch genießen, aber danach ging ich mit zirka sechzig Wundklammern im linken Bein wieder in meine Praxis.
Die Selbständigkeit ist hart, und die laufenden Kosten einer Praxis scheren sich nicht um die Genesungsdauer ihres Inhabers, sodass ich nicht umhin kam, auf weitere Schonung oder Rehabilitationsmaßnahmen zu verzichten.
Die Klammern wurden mir in der eigenen Praxis entfernt. Nun musste ich auch regelmäßig Medikamente einnehmen, die das Blut „verdünnen“, damit sich an der Kunststoffgefäßprothese keine Gerinnsel bilden konnten. Außerdem durfte ich, wie bereits erwähnt, das linke Kniegelenk zur Schonung der Prothese nicht mehr über neunzig Grad beugen. Daran hielt ich mich natürlich, und so war der weitere Verlauf bis zur vereinbarten Kontrolluntersuchung nach einem Vierteljahr komplikationslos.
Während meiner langjährigen ärztlichen Tätigkeit habe ich immer beobachtet, dass sich die meisten Patienten zeitaufwändig auf einen Arztbesuch vorbereiten. Sie waschen sich und ziehen ihre Lieblingskleidung an. Natürlich gibt es Ausnahmen. Solche Patienten möchte man liebend gern zum Duschen oder wenigstens Waschen ihrer Füße wieder wegschicken.
Auch ich bin nicht in Gartenkleidung zur Kontrolluntersuchung gegangen und hatte zudem einige Fragen, die ich beantwortet haben wollte. Was aber bei dieser ambulanten Kontrolle ablief, hat mich sehr enttäuscht. Eigentlich hätte es ausgereicht, wenn ich an der Anmeldung einen Zettel abgegeben hätte mit der Aufschrift: „Herrn Wild geht es gut!“
Wenn man als Arzt zu einem Kollegen geht, erwartet man, etwas bevorzugt behandelt zu werden. Dieser Wunsch erfüllte sich nicht. Die Schwester an der Anmeldung war wegen der großen Patientenzahl überfordert und erkannte in mir nicht den ärztlichen Kollegen. So wurde ich in das überfüllte Wartezimmer gewiesen.
Nach langer Zeit rief man mich schließlich in das Sprechzimmer. Dort saß der Arzt am Schreibtisch, zwei Schwestern kümmerten sich um Patienten, die offenbar das Arztgespräch schon hinter sich hatten. Mir sagte man, dass ich auf dem freien Stuhl neben dem Schreibtisch des Arztes Platz nehmen soll.
Solche Spezialsprechstunden habe ich früher in meinem Fachgebiet auch übernehmen müssen. Allerdings kenne ich keinen, der das freiwillig und gern getan hat. Hier hatte ich auch diesen Eindruck.
Da ich der Meinung war, dass nun alles schnell gehen musste, wollte ich schon vor dem Platznehmen durch Herunterlassen der Hose das operierte und zu begutachtende Bein freimachen. Mir wurde jedoch schnell klar, dass ich nicht, wie bei der Entlassung aus dem Krankenhaus vereinbart, zu einer Nachuntersuchung, sondern zu einem Kurzgespräch kam.
„Herr Wild, wie geht es Ihnen?“
„Mir geht es gut.“
Damit begnügte sich der Arzt und schrieb es in meine Akte. Das Bein sah er sich nicht an. Dann sagte er: „Die Medikamente nehmen Sie so weiter und kommen bei Bedarf wieder.“
„Das werde ich mir reichlich überlegen.“
Mit diesem Gedanken grüßte ich kurz und ging.
Die Vorbereitung des Kranken auf den Arztbesuch, dessen Begleitung durch Angehörige oder den Krankentransport, die langen Wartezeiten, sowie die Hoffnung des Patienten auf Beistand und kompetente Beratungen stehen nicht im Verhältnis zu solch kurzen und oberflächlichen Arztkonsultationen, welche – zudem im Beisein weiterer Patienten – im Akkord am Fließband abgehalten werden.
Nach diesem Arztbesuch, welcher mein einziger in dieser Einrichtung bleiben sollte, hatte ich mir fest vorgenommen, in meiner Praxis verstärkt auf solche Dinge zu achten.
2. Kapitel
August 1998: Der erste Bypassverschluss
Bereits ein Vierteljahr nach der „gründlichen“ Nachuntersuchung bekam ich wieder Probleme mit dem linken Bein. Zunächst denkt man an eine mentale Überlagerung, weil alle Sinne ständig auf die geringsten Veränderungen an dem kranken Bein gerichtet sind. Diese Phase der Bagatellisierung dauerte nicht lange. Die Schmerzen in der Wade, die Gefühllosigkeit und das Kältegefühl der Zehen und des Vorfußes wurden immer stärker. Schließlich hatte ich mich entschlossen, diese Beschwerden abklären zu lassen. Da „mein“ Operateur von damals im Urlaub war, stellte ich mich in einer anderen großen Klinik vor.

Die Schmerzen in der Wade … (S. 22)
Nach kurzen ambulanten Tests bestand der Verdacht, dass der Bypass, also das Kunststoffgefäß, mit Blutgerinnseln verstopft war. Damit waren die Weichen zur stationären Behandlung gestellt.
Wieder kam ich, in guter Absicht der Kollegen, in ein Einzelzimmer. Hier hatte jede Station zwei solche Zimmer, die natürlich – das war mir klar – bei Bedarf auch als Sterbezimmer genutzt werden würden. Obwohl in dieser Klinik und in einem solchen Zimmer vor elf Jahren mein Vater verstorben war, zog ich diesmal die Gemeinschaft mit den Seelen der Verstorbenen einem Mehrbettzimmer vor.
Noch am Aufnahmetag erfolgte nach Absetzen des gerinnungshemmenden Medikamentes die Gefäßdarstellung mit einem Kontrastmittel. Der Bypassverschluss wurde bestätigt, und die Blutgerinnsel konnten gleich anschließend mit einem Aspirationsverfahren entfernt werden. Der freie Blutdurchfluss war wieder hergestellt. Danach musste ich vierundzwanzig Stunden Bettruhe einhalten und davon die ersten zwölf – wegen der Gefahr der Nachblutung aus der Punktionsstelle – mit einem Druckverband auf dem Rücken liegend verbringen.
Bei einer Wiederholung nach zwei Tagen kam es vor allem darauf an, eine Unebenheit im Bereich der Verbindungsstelle zwischen Gefäß und Kunststoffprothese (Anastomose) zu glätten. Auch danach gab es wieder den Druckverband und die Bettruhe. Diese Unebenheit der Anastomose wurde als Ursache der Gerinnselbildung verantwortlich gemacht.
Ein weiterer Eingriff war nicht erforderlich, sodass ich wieder auf das blutverdünnende Medikament eingestellt werden konnte. Dafür war am nächsten Tag eine Blutentnahme erforderlich.
Dass man sich nun gerade bei mir der Pflichtassistenten erinnerte, welche das Punktieren eines Gefäßes einmal am Patienten üben müssen, war weniger schön.
Eine junge Ärztin kam und sagte: „Guten Morgen, Herr Doktor, ich soll bei Ihnen Blut abnehmen, haben Sie gute Venen?“
„Aber ja doch, schauen Sie, diese hier am rechten Arm wird immer wieder gern genommen; Sie werden das schaffen.“
Zunächst war ich wirklich geduldig, aber nach dem dritten Fehlversuch sagte ich: „Mehr als drei Mal sollte man es nicht versuchen; schicken Sie doch bitte jemanden, der heute besser in Form ist als Sie.“
Das war der Kollegin so peinlich, dass sie auch noch vergaß, den Stauschlauch am Oberarm zu lösen. Kurz darauf, noch vor der Visite, kam der Stationsarzt und führte mühelos die Blutentnahme durch.
Zur Visite wurde zu meiner Freude schon über die Entlassung gesprochen, und die Stationsschwester erhielt den Auftrag, mein Schmerzmittel um die Hälfte zu reduzieren. Natürlich bekam ich am nächsten Tag wieder die volle Dosis ans Bett gestellt. Mit Unverständnis im Gesichtsausdruck ließ ich es korrigieren. Einem Nichtmediziner wäre das nicht aufgefallen. Bei diesem Medikament konnte zwar nichts passieren, aber dieser am häufigsten vorkommende Irrtum kann bei anderen Medikamenten ernste Folgen haben.
Am Vortag der Entlassung bat ich darum, mir noch einmal den Blutdruck zu messen. Es kam eine Schwester und wickelte mir eine Blutdruckmanschette um den rechten Oberarm. Diese roch so stark nach Schweiß, dass ich am liebsten auf die Messung verzichtet hätte, aber ich wollte nicht abermals Kritik anbringen, da ich als Gefäßpatient damit rechnen musste, hier noch mehrmals „Gast“ sein zu dürfen.
Es ist schon verwunderlich, dass noch nicht alle die dafür vorgesehenen Einmalmanschettenbezüge verwenden, werden doch die Unterlagen auf den Untersuchungsliegen für den nächsten Patienten stets auch erneuert.
Jetzt, zwölf Jahre später, wurde bei mir in einer Praxis für Kardiologie mit einem solchen personengebundenen Manschettenüberzug der Blutdruck gemessen, damit kein direkter Kontakt zur Haut anderer Kranker besteht. Na bitte, es geht doch!
Am Folgetag, dem fünften September, verließ ich die Klinik, und noch am Entlassungstag ging ich wieder in meine Praxis.
3. Kapitel
Dezember 1998: Das falsche Bett und die erste Komplikation.
Zwei Wochen nach meiner Entlassung wurde in einem Speziallabor nachgewiesen, dass bei mir angeborene Gerinnungsstörungen vorliegen. Diese Neigung zu verstärkter Gerinnung des Blutes wird mit dazu beigetragen haben, dass sich bereits ein Vierteljahr nach der letzten stationären Behandlung im August die mir nun bekannten Symptome wie Schmerzen, fehlende tastbare Fußpulse und Kältegefühl schon wieder einstellten. Zunächst hat man die Hoffnung, dass es durch vieles Umherlaufen besser wird. Dadurch merkten auch immer die Mitarbeiter der Praxis, wenn es wieder soweit war.

Die erneute stationäre Aufnahme war nicht zu umgehen. (S.27)
Die erneute stationäre Aufnahme war nicht zu umgehen. Wieder erfolgte sofort eine Gefäßdarstellung mit einer erfolgreichen Lyse. Das ist eine Durchspülung des Bypasses mit einem das Blutgerinnsel auflösenden Medikament. Dabei sah man allerdings erneut die enge Stelle (Stenose) an der oberen Anastomose, die bei der letzten stationären Behandlung geglättet worden war. Diesmal bestand nun die Notwendigkeit, hier operativ zu korrigieren, obwohl zunächst die Durchblutung des Beines wieder hergestellt war und keine Notfallsituation vorlag. Trotzdem erfolgte die Operation bereits zwei Tage später, ohne die Wirkung des gerinnungshemmenden Medikamentes zu blocken. Das sollte noch Folgen haben.
Nach den üblichen Operationsvorbereitungen brachte mich ein Krankenträger in den Operationssaal. Dort wurde ich zunächst im Wartebereich abgestellt und später auf einen Operationstisch umgelagert. Das Bett wird danach auf dem sogenannten Bettenbahnhof geparkt.
Die Einleitung der Narkose ist immer wieder faszinierend. Während des Gesprächs mit dem Narkosearzt oder der Narkoseschwester wird dieses nicht nur im Satz, sondern innerhalb eines Wortes unterbrochen. Plötzlich ist man „nicht mehr da“.
Weil man vorher davon ausgeht, dass man wieder erwacht, wäre das Gegenteil für einen Patienten im angemessenen Alter oder mit unheilbarer Krankheit der angenehmste Tod. Es bliebe ihm das bewusste Warten auf den Tod erspart. Der Narkosearzt und alle anderen, die sich um den Patienten kümmern, bemühen sich aber gerade darum, dass dies nicht passiert.
Während meiner Operation wurde die Stenose an der oberen Anastomose durch ein plastisches Verfahren erweitert. Entsprechend der Narkosedauer soll der Zustand des frisch Operierten auch angemessen überwacht werden, bevor man diesen wieder auf die Station zurück bringt. Nach dem Eingriff wird der Patient dann im Normalfall wieder in „sein“ Bett umgelagert. Bei mir war es jedoch anders.
So richtig munter wurde ich erst, nachdem ich mich schon wieder eine ganze Weile auf Station in meinem Zimmer befand. Somit stellte ich auch erst jetzt, und nicht schon im Aufwachraum, fest, dass ich in das Bett eines anderen Patienten gelegt worden war. Das Giebelbrett am Fußende meines Bettes war zuvor grün gewesen, und das, worauf ich nun erstaunt blickte, plötzlich rosa. Da es sich nicht um Nachwirkungen der Narkose handeln konnte, musste ich wohl im Bett eines anderen Kranken liegen. Diese Vorstellung war sehr unangenehm.
Verständlicherweise hatte ich nur einen Wunsch: Nur so schnell wie möglich raus zu kommen aus diesem Bett, deshalb drückte ich auf die Klingel. Zufällig kam die Stationsschwester, die wohl gerade in der Nähe zu tun gehabt hatte. „Oberschwester, ich wurde im Operationssaal in das Bett eines anderen gelegt.“
„Das ist unmöglich“, sagte sie mit Überzeugung in der Stimme, denn schließlich kann ja wohl nicht sein, was nicht sein darf.
„Doch, schauen Sie mal auf das Namensschild“.
„Tatsächlich – ein anderer Name, und jetzt sehe ich auch, dass es kein Bett unserer Station ist. Es gehört der Klinik für HNO-Krankheiten.“
Die Oberschwester schien nicht wirklich entsetzt zu sein; sie tangierte es nur insofern, dass sie nun bemüht war, „ihr chirurgisches“ Bett wieder zurück zu erhalten. Noch im Laufe des Nachmittages wurde der Austausch und der Neubezug der Betten vollzogen, und bald lag ich glücklich und zufrieden wieder in „meinem“ Bett.
Zur Visite am nächsten Tag versicherten mir die Ärzte, was ich auch aus eigener Klinikerfahrung wusste, mir jedoch im Nachhinein auch nicht mehr half: „Herr Wild, so etwas kommt zum Glück recht selten vor, aber es ist schon eigenartig, dass dies ausgerechnet einem Kollegen passieren musste.“
Das war aber nur das einleitende Visitengespräch, denn beim Zurücknehmen der Bettdecke blickten alle entsetzt auf mein operiertes Bein und warteten darauf, dass der Oberarzt etwas dazu sagte. Schon in der Nacht hatte ich eine Umfangszunahme meines Oberschenkels am linken Bein verspürt, und so ahnte ich, dass es auch heute nicht mein Tag werden würde.
Als der Oberarzt, der mich operiert hatte, diesen Befund sah, sagte er nur: „Scheibenkleister!“ Damit war die Visite zunächst beendet.
Bei einer offenbar auf dem Gang stattgefundenen Beratung musste man sich eingestehen, dass die Operation zu früh durchgeführt worden war. Das blutgerinnungshemmende Medikament, welches ich täglich einnehmen musste, war zwar abgesetzt worden, aber nach zwei Tagen war dieser Wirkstoff im Körper noch längst nicht abgebaut. Deshalb kam es zu einer Nachblutung und Ausbildung eines großen Blutergusses.
Nach wenigen Minuten kam der Stationsarzt zurück und teilte mir mit: „Herr Kollege, Sie müssen heute noch einmal nüchtern bleiben, Sie wissen wohl, warum?“
„Ja, ich weiß.“ Mir war klar, dass der Bluterguss operativ ausgeräumt werden musste, was dann auch am frühen Nachmittag geschah.
Somit hatte ich bisher an jedem Tag des jetzigen stationären Aufenthaltes ein Erlebnis, welches nicht hätte sein müssen. Die „Bettgeschichte“ kommt in die Rubrik „dumm gelaufen“, aber die zu frühe Operation kann man schon als Behandlungsfehler einordnen.
Damit es nicht so weiterging, musste ich in den nächsten Tagen etwas tun, was mir möglicherweise Komplikationen mit längerem Krankenhausaufenthalt erspart hat. Es ist bekannt, dass sich besonders in hochentwickelten Ländern wie den USA und den Staaten Westeuropas Patienten in den Kliniken mit Krankheitserregern infizieren können. Deutschland gilt diesbezüglich als Risikoland. Hier erkranken jährlich etwa 160000 Menschen, weil sie sich in Krankenhäusern und Ambulanzen mit therapieresistenten Keimen angesteckt haben. Außerdem weiß ein Mediziner, dass die Keimzahl in einem Operationssaal im Laufe des Tages zunimmt, und mein Bluterguss wurde ja erst am Nachmittag ausgeräumt. Auch ist bekannt, dass ein Hämatom der beste Nährboden für Krankheitserreger ist. Eine Infektion in diesem Bereich würde den Bypass gefährden, und ein infizierter Bypass hat oft den Verlust des Beines zur Folge. Wegen dieser Risiken hatte ich erwartet, dass ich perioperativ, also vor, während oder nach der Operation ein Antibiotikum erhalten würde. Das war nicht der Fall. Nun wollte ich nicht als Besserwisser oder schwieriger Patient erscheinen und ließ mir heimlich ein Antibiotikum aus meiner Praxis bringen, welches ich ohne Wissen der behandelnden Ärzte einnahm. Dieser „Disziplinlosigkeit“ hatte ich es vielleicht zu verdanken, dass sich der weitere Verlauf unauffällig gestaltete und ich vier Tage vorm Heiligen Fest, am zwanzigsten Dezember, entlassen werden konnte.
4. Kapitel
März 1999: Vorteil und Risiko neuer Medikamente
Anfang März 1999 wurde bei mir in einer Gefäßpraxis eine umfangreiche Kontrolluntersuchung durchgeführt. Das Ergebnis machte mir Hoffnung, in der nächsten Zeit nicht wieder stationär behandelt werden zu müssen. Eine Nachuntersuchung sollte in drei Monaten stattfinden.

Grund genug für die Ärzte, welche bisher meine Gerinnung überwachten … (S. 33)
Daraus wurde leider nichts, denn schon vier Tage später traten während meiner Sprechstunde abermals die bekannten Krankheitszeichen auf. Mir war klar, dass ich wieder für ein paar Tage nicht in der Praxis sein würde.
Fast schon routinemäßig stieg ich in mein Auto, brachte mich selbst ins Krankenhaus und informierte erst dann meine Familie, dass sie das Fahrzeug abholen könne.
Da ich zum wiederholten Mal in „meiner“ Krankenstube sein durfte, scherzte das Personal: „Herr Doktor Wild, Sie könnten sich doch eigentlich dieses Zimmer nach ihrem Geschmack tapezieren und reservieren lassen.“
Darüber konnte ich nicht lachen. Im Gegenteil, diesmal nervten mich die immer wieder gleichen Fragen an die Patienten, die stationär aufgenommen werden, wie auch die immer wieder notwendigen Aufnahmeprozeduren.
Zu meiner allgemeinen Unzufriedenheit gesellte sich die Erinnerung an eine Arbeit von Von Chapmann20. Er hat die Patienten mit Gefangenen verglichen, was ich fünf Jahre später als Vertragsarzt im Krankenhaus der Justizvollzugsanstalt Leipzig bestätigen konnte: Beiden wird die Kleidung weggenommen und gegen Anstaltskleidung, beziehungsweise ein Krankenhaushemd, eingetauscht.
Sie geben ihre Wertsachen ab, sehen ihre Familien seltener, müssen ihren Raum oft mit einem Fremden teilen und leben nach einem Stundenplan, den jemand anderes bestimmt. Beide bekommen Registriernummern. Der eine muss in einer Zelle; der andere in einem Zimmer ausharren.
Der Patient kann unter verschiedenen Gerichten auswählen, aber der Gefangene konnte sich früher nur zwischen essen oder nicht essen entscheiden.
Ein Gefangener sieht sich oft einer körperlichen und psychischen Einschränkung ausgesetzt, und ein Patient erfährt eine Behandlung, die auch schmerzhaft sein kann.
Gefangene und Patienten waren früher (Von Chapmann schrieb dies vor 20 Jahren) gleichermaßen in Gebäuden untergebracht, die kalte Flure und eine Umgebung ohne Farbe, Wärme und Vielfalt boten.
Der Gefangene darf seine Unterkunft nicht verlassen, bei einem Patienten wird vorausgesetzt, dass er es nicht tut oder es häufig gar nicht kann.
Schließlich hat ein Gefangener nur begrenzten Einfluss auf die Gestaltung seiner Zukunft, und auch der Patient fühlt sich hilflos gegenüber seinem Schicksal.
Genau so hilflos kam ich mir diesmal vor, wie ein Gefangener meines Schicksals, obwohl es abermals gelang, die Rekanalisation (Wiederherstellung der Bypassdurchgängigkeit) zu erreichen.
Zwei Tage später wurde ich zwar wieder entlassen, aber ich war dennoch unzufrieden. Meinen behandelnden Ärzten gelang es offenbar nicht, durch geeignete Maßnahmen die Thrombosierung des Bypasses künftig zu verhindern, oder wenigsten zu erreichen, dass sie nicht in so kurzen Abständen auftreten konnte. Es musste jetzt irgendetwas geschehen, denn innerhalb eines reichlichen Jahres war ich deswegen bereits viermal stationär behandelt worden. Damit war natürlich eine kontinuierliche Tätigkeit in meiner Praxis nicht möglich und der finanzielle Schaden enorm. Auch war meine Psyche nicht mehr stabil, weil ich mich ständig fragte, wie lange mir wohl das Bein noch erhalten werden konnte.
Am Entlassungstag kam der Oberarzt noch einmal zu mir, und ich fragte ihn: „Was könnte ich denn selbst tun, um nicht so schnell wiederkommen zu müssen?“
„Sie müssen sich etwas zulegen, was ich auch habe.“
„Dachten Sie dabei etwa an eine Freundin?“
Er lachte und sagte: „Nein, ich meine einen Hund, der gerne draußen ist. Mit ihm können Sie jeden Tag spazieren gehen, und dabei bilden sich neue Gefäße.“
„Wir haben zwei Katzen, da kann ich mir keinen Hund zulegen, aber man kann ja auch ohne Hund spazieren gehen. Das werde ich tun.“
In einer medizinischen Zeitschrift stieß meine Frau auf eine Veröffentlichung eines namhaften „Gerinnungspapstes“ in den alten Bundesländern, dem sie, um Hilfe bittend, meine Unterlagen zuschickte. Wie bei vielen medizinischen Maßnahmen barg auch die Empfehlung dieses Spezialisten Risiken. Zu dem gerinnungshemmenden Medikament, welches ich bereits einnahm, sollte ich zwei weitere, ähnlich wirkende Präparate verordnet bekommen. Ich hatte Vertrauen und auch keine Wahl, und so entschied ich mich für diese Dreierkombination.
Mir war klar, dass das Risiko einer Blutung sehr hoch war. Grund genug für die Ärzte, welche bisher meine Gerinnung überwachten, die weitere Behandlung nun abzulehnen.
Inzwischen verabreiche ich mir unter bestimmten Vorsichts- und Kontrollmaßnahmen diese grenzwertige Dosis seit zwölf Jahren. Heute allerdings haben sich solche und ähnliche Kombinationen gerinnungshemmender Medikamente allgemein durchgesetzt.
Der Erfolg hatte damals diese Zusatzmedikation gerechtfertigt, denn der nächste Bypassverschluss erfolgte fast fünf Jahre später.
5. Kapitel
Dezember 2003: Die Sorge um mein Bein nimmt zu, und mein Hund ist eine Katze
Nach knapp fünfjähriger, krankenhausfreier Phase bekam ich Anfang Dezember 2003 Schmerzen in der linken Kniekehle und dazu das Gefühl, dass sich da etwas befand, was aus anatomischer Sicht nicht dort hätte sein dürfen. Diesmal gab es keine Zeichen einer Minderdurchblutung – es musste sich demnach um etwas anderes handeln. Wären diese Beschwerden am gesunden Bein aufgetreten, hätte ich wie bei anderen Patienten zunächst an eine harmlose, gut zu operierende Zyste gedacht. Aber es war das kranke Bein, und so ging ich wieder einmal zunächst in eine Praxis für Gefäßkrankheiten. Hier wurde mir bescheinigt, dass kein Verschluss durch Thrombosierung vorlag. Das hatte ich mit Sicherheit der gerinnungshemmenden Zusatzmedikation zu verdanken. Diesmal war aber an der unteren Anastomose (Verbindung zwischen Bypass und Kniekehlenarterie) eine Veränderung mit Massezunahme zu erkennen.
Zur Sicherung dieses Befundes erfolgte eine Computeruntersuchung, die einen Defekt an dieser Anastomose ans Licht brachte. Der Radiologe und Computerspezialist sprach erstmals darüber, dass der starre Kunststoffbypass für die Anwendung in der Kniekehle nicht geeignet war.
Dem Erstoperateur, der das Kunststoffgefäß eingebracht hatte, war wohl bekannt, dass die Verwendung körpereigenen Materials von Vorteil gewesen wäre. Deshalb hatte er auch eine Vene vom selben Bein als Bypass verwenden wollen. Dieser Versuch scheiterte aber an dem schlechten Zustand der Venenwand. Die beste Möglichkeit, ein Stück eigene Schlagader (Arterie) dazwischenzuschalten, bleibt auch heute noch nur bestimmten Zentren vorbehalten. Außerdem bestand damals akute Zeitnot, weil das Bein schon stundenlang minderdurchblutet war.

„Schneeweißchen“ war eine von unseren zwei Katzen … (S. 36)
Nach Vorstellung und Besprechung des Computerbefundes mit dem Gefäßchirurgen war wieder einmal die stationäre Aufnahme vereinbart worden. Diesmal mussten die gerinnungshemmenden Medikamente sofort abgesetzt werden, weil nicht nur eine „Durchspülung“ des Bypasses, sondern eine größere Operation geplant war.
Zur Vervollständigung der Diagnostik sollte eine Angiografie (Gefäßdarstellung mit Kontrastmittel) durchgeführt werden. Zum Glück wartete man damit, bis der Laborwert, der über die Gerinnung und so auch über die Blutungsgefahr Auskunft gibt, vorlag. Der Stationsarzt kam und sagte: „Herr Wild, mit diesem Wert können wir keine Angiografie und schon gar nicht eine Operation durchführen. Wir müssen abwarten und werden Sie erst noch einmal entlassen.“
Vier Tage später wurde ich wieder stationär aufgenommen und am Folgetag operiert. Entsprechend des Computerbefundes fand man an der unteren Anastomose einen Ausriss. Aus diesem Leck war Blut ausgetreten und hatte einen ziemlich großen Bluterguss verursacht. Dieses Hämatom verspürte ich als Fremdkörper in der Kniekehle, was die Beugung des Kniegelenkes zusätzlich behinderte.
Die Behandlung bestand darin, dass diese defekte Anastomose herausgeschnitten und ein neues Prothesenstück dazwischengesetzt wurde.
Zur Visite am nächsten Tag sagte mir der Oberarzt: „Der Bypass funktioniert wieder, aber Sie haben nur noch eine Unterschenkelarterie.“
Darauf ich: „Damit werde ich leben können.“
„Nein, Herr Wild, damit werden Sie leben müssen.“
Nach dem Grund des Verbleibs der anderen zwei Unterschenkelarterien zu fragen, verkniff ich mir; – ich wäre nicht Arzt, hätte ich die Antwort nicht bereits gekannt.
Trotz meiner angeborenen Gerinnungsstörungen waren – dank der medikamentösen Behandlung – der Bypass und die größte der drei Unterschenkelarterien über fünf Jahre durchgängig geblieben. Die beiden im Kaliber dünneren Unterschenkelschlagadern waren allerdings über eine längere Strecke verstopft und funktionslos. Dafür hatten sich aber viele neue kleinere Gefäße, sogenannte Kollateralen, gebildet. Das war möglich, weil ich die Empfehlung, täglich drei bis fünf Kilometer zu laufen, sehr ernst nahm. Später, nachdem auch die dritte und letzte Unterschenkelarterie verschlossen war, bin ich nur noch mit diesen Kollateralen unterwegs gewesen.
Wenn ich nach Hause kam, stellte ich meist nur die Tasche ab und ging gleich wieder mit „Schneewie“ los. „Schneeweißchen“ war eine von unseren zwei Katzen, derentwegen ich mir keinen Hund zulegen konnte, aber es war auch nicht mehr nötig. Die weiße Katze war uns zugelaufen und total auf mich fixiert. Ständig lief sie mir hinterher und lag auf der Lauer, damit sie es ja nicht verpasste, mich bei meinen „medizinischen“ Spaziergängen zu begleiten. Kamen wir an Grundstücke, wo ein Hund bellte, blieb sie stehen, sah mich an, und ich musste sie auf den Arm nehmen, bis wir die „Gefahrenstelle“ passiert hatten. Oft wurde ich von Passanten, die aus der Ferne einen weißen Hund vermuteten, wegen dieser dankbaren und treuen Katzenseele angesprochen.
Für die Wochentage hatte ich mir eine etwas kleinere und für das Wochenende eine größere Strecke ausgesucht. Trotzdem musste ich mich wohl nun gedanklich damit abfinden, dass Gefäßpatienten, wie ich einer war, nicht nur immer wieder auf dem OP-Tisch landeten, sondern dass auch der Befund von mal zu mal kritischer ausfallen würde.
Die Wundheilung gestaltete sich bei mir, wie stets, komplikationslos; einen hartnäckigen Durchfall jedoch sollte ich zu Hause selbst behandeln. So wurde ich wieder einmal kurz vor Weihnachten entlassen.
Diesmal hatte ich während und nach der Operation ein Antibiotikum erhalten, worauf erfahrungsgemäß viele Patienten mit Durchfall reagieren. Das wurde von den behandelnden Ärzten zunächst auch bei mir so gedeutet. Aber leider lag die Ursache dafür woanders.
Pulsuz fraqment bitdi.