Kitabı oxu: «Feuer in der Prärie!»
Feuer in der Prärie
Leben und Ära des
Andrew Taylor Still,
Begründer der
osteopathischen Medizin
Ein historischer Roman vor dem Hintergrund des Kampfes um die Einheit der US-Staaten und die Zukunft der Medizin

Titel der Originalausgabe
Fire in the Prarie
© Zacharias Comeaux D.O.

ABB. 01: ANDREW TAYLOR STILL (1828 – 1917),
Entdecker der Osteopathie und Begründer der modernen Medizin mit Händen.
Fire in the Prarie
The Life and Times of Andrew Taylor Still, Founder of Osteopathic Medicine
© Zacharias Comeaux D.O., 2007
Booklocker. Com Inc, ISBN 978-1601453617
Feuer in der Prärie
Eine Novelle über A. T. Still, den Entdecker der Osteopathie.
© 2009, JOLANDOS
Am Gasteig 6–82396 Pähl – info@jolandos.de
978-3-936679-49-6 (print)
978-3-941523-46-3 (epub)
978-3-941523-24-1 (mobi)
BESTELLUNG
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Raiffeisenallee 10 – 820041 Oberhaching
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ÜBERSETZUNG
Ilka Rosenberg
LEKTORAT
Elisabeth Melachroinakes
UMSCHLAGGESTALTUNG
Konzept-G, Memmingen
Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung des Still National Osteopathic Museum, Kirksville, Mo. USA
SATZ
post scriptum - www.post-scriptum.biz
DRUCK
Buchproduktion Ebertin - Uhldingen, Deutschland
EBOOK-GESTALTUNG
Zeilenwert® GmbH
Schwarzburger Chaussee 74 – 07407 Rudolstadt
www.zeilenwert.de
Jede Verwertung von Auszügen dieser deutschen Ausgabe ist ohne Zustimmung von JOLANDOS unzulässig und strafbar. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Mikroverfilmungen und Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.
Inhalt
Cover
Titel
Über den Autor
Impressum
Verzeichnis der Abbildungen
Widmung
Vorwort des Herausgebers
Einführung des Autors
Die Verabredung
Ein goldener Morgen
Tennessee
Soziale Gerechtigkeit
Stadtgespräch
Missouri
Anatomie, Anatomie, Anatomie
Kirksville
Eine Unterrichtsstunde
Ein trostloser Tag
Verlust und Wiederaufbau
Stille Hoffnung
Beziehungen und Intrigen
Bündnisse
Gesetzeshebel
Der Besucher
Beratung
Ehrenerweisung
Tod
Krieg und Pandemie
Unsterblichkeit
Verbreitung im Ausland
Wiedervereinigung
Epilog
Danksagungen
Weiterführende Literatur
Fußnoten
Verzeichnis der Abbildungen
Abb. 01: Andrew Taylor Still (1828 – 1917) 2
Abb. 02: American School of Osteopathy, ca. 1895 8
Abb. 03: Behandlungsraum in Kirksville, ca. 1905 20
Abb. 04: Mary Vaughn, ca. 1855 30
Abb. 05: Die Natur – Stills unerschöpfliche Quelle 42
Abb. 06: Abraham Still 50
Abb. 07: Familie Still, ca. 1903 58
Abb. 08: Blanche Still, ca. 1890 59
Abb. 09.: Kansas State Legislative 67
Abb. 10: Grabstein der Familie Still 73
Abb. 11: Still mit einer Anatomieklasse 76
Abb. 12: A. T. Still und Nettie Bolles, 1894 77
Abb. 13: A. T. Still mit William Smith, ca. 1892 82
Abb. 14: Die erste Osteopathieschule, 1892 84
Abb. 15: Die erste Osteopathieklasse 85
Abb. 16: J. M. Littlejohn 93
Abb. 17: John Musick 128
Abb. 18: Fakultät der ASO, 1899 155
Abb. 19: Charles Hazzard 156
Abb. 20: C. C. McConnell 160
Abb. 21: Samuel Lanhorn Clemens alais Mark Twain 173
Abb. 22: Wiliam Cody alias »Buffalo Bill«, ca. 1895 182
Abb. 23: Bronzestatue von A. T. Still 195
Abb. 24: Familiengrab der Stills 205
Abb. 25: Familie Littljohn in England, ca. 1920 231
Abb. 26.: Abraham Flexner 235
Abb. 27: A. T. Still, ca. 1898 266
Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung des
Still National Osteopathic Museum, Kirksville, Mo. USA.
ABB. 02: AMERICAN SCHOOL OF OSTEOPATHY, CA. 1895.
Diese Buch ist meinen Mentoren gewidmet:
Andrew Still, William Sutherland, Robert Fulford, Anthony Chila, David Patriquin – und meiner geduldigen Frau Linda.
Vorwort des Herausgebers
Einführung
Osteopathie ist für viele Anhänger weit mehr als nur eine Methode oder ein Verfahren. Sie repräsentiert als Philosophie, Wissenschaft und Kunst1 geradezu das Ideal moderner ganzheitlicher Medizin. Einerseits gründend in die stärksten Fundamente der klassischen Medizin, Anatomie und Physiologie bezieht sie auf der anderen Seite ganz bewusst auch »weiche« Aspekte wie Emotionen, Kultur, Persönlichkeit und individuelle Potenziale aktiv und offen in die klinische Praxis mit ein. Damit hat sie die Möglichkeit, etwas zu wagen, das der klassischen Medizin aufgrund ihrer historisch gewachsenen Dogmen und starren inneren Hierarchien nicht mehr möglich ist: Eine Versöhnung linearer, vor allem rein körperlich orientierter wissenschaftlicher Erkenntnisse mit nicht-linearen Phänomenen wie etwa Placebo-Effekten, quantenphysikalischen Phänomenen in Bezug auf Behandler-Patienten-Interaktion, Bedeutung der Bewussheit für das Behandlungsergebnis etc.
Viele dieser Aspekte sind letztlich aber nur Ausprägungen des ursprünglichen Ansatzes in der Osteopathie, wie sie ihr Entdecker, der amerikanische Landarzt Andrew Taylor Still (1828 – 1917) Ende des 19. Jahrhunderts der Öffentlichkeit vorgestellt hat. Insofern lohnt eine Reise in jene spannende Zeit nicht nur, weil sie unterhaltsam ist. Viele kleine Details in der frühen Entstehungsgeschichte der Osteopathie bildeten den Keim für spätere Fundamente der modernen Osteopathie. Und je tiefer man in ihre noch relativ junge Geschichte blickt, umso klarer werden einem die Gründe für den Status der heutigen Osteopathie.
Über dieses Buch
Zachary Comeuax gilt als ausgewiesener Kenner von A. T. Still und der Gründerzeit der Osteopathie. In Feuer in der Prärie unternimmt er den ebenso gewagten wie gelungenen Versuch die historischen Ereignisse rund um die Entstehung der Osteopathie auch für den Laien unterhaltsam zu vermitteln. Dabei stehen vor allem A. T. Still und später in etwas geringerem Umfang auch der wohl bedeutendste europäische Osteopath, J. M. Littlejohn (1866 – 1947) im Mittelpunkt.
Umfassend und lebensnah geschildert werden Ihnen hier die wichtigsten Einflüsse auf die Entstehung der Osteopathie dargestellt: Der Amerikanische Transzendentalismus von Ralph W. Emerson, die Evolutionstheorie von Darwin und Spencer, der Swedenborgianismus mit seinen Séancen, der Methodismus, der amerikanische Bürgerkrieg, die überhebliche »heroische« Medizin und – allem voran und immer wieder – der überwältigende Einfluss einer gewaltigen Natur. Große Namen werden Ihnen begegnen: W. Smith, J. M. Littlejohn, C. E. Hazzard, A. Hildreth, C. C. McConnell, N. Bolles, aber auch W. Cody (Buffalo Bill) und viele andere.
Historische Fakten
Die meisten der Ereignisse sind durch osteopathiehistorische Primärliteratur belegt. Allerdings haben sich seit Verfassen des Buches einige neue historische Fakten ergeben, die in diesem Werk nicht mehr berücksichtigt, oder explizit herausgearbeitet werden konnten:
– Stills Verhältnis zu seiner ersten Frau, Mary Vaughn, das Comeaux als Seelenverwandtschaft beschreibt, dürfte eher gegenteilig zu werten sein: Mary war in der Zeit der Ehe ziemlich vereinsamt, da ihr Mann einerseits zahlreiche Aktivitäten verfolgte und deshalb kaum zu Hause war und er sich andererseits intellektuell offenbar nicht sehr gut mit seiner Frau austauschen konnte.
– Obwohl Still stark durch den Methodismus geprägt wurde und stets nach den urchristlichen Werten handelte, war er kein Anhänger irgendeiner Religion, sondern Pantheist, d. h., für ihn war alles Existierende Ausdruck eines wohlwollenden und vollkommenen Schöpfers und damit an sich vollkommen – auch der menschliche Körper, die »menschliche Maschine«, wie Still ihn gerne beschrieb. Still nahm diese »Maschine« daher nie isoliert von ihrem Schöpfer wahr.
– Stills »ganzheitlicher« Ansatz basiert nicht auf dem Körper-Geist-Seele-Prinzip, sondern folgt Emanuel Swedenborgs Weltbild, wonach der Mensch eine Vereinigung eines geistigen mit einem irdischen Wesen darstellt, wobei das Höhere in das Niedere einfließt. In diesem Moment der Vereinigung entsteht das Leben, welches zugleich die Selbstorganisation in sich trägt, das heißt, die Selbstheilungskraft ist das Leben selbst. Insofern beschreibt Stills Darstellung von Verstand (Geist), Materie (Körper) und Bewegung (Leben) den ganzheitlichen Aspekt innerhalb der Osteopathie tatsächlich treffender als die Analogie Körper-Geist-Seele.
Trotz dieser historisch mehr oder weniger unbedeutenden Ungenauigkeiten, die naturgemäß zu belletristischen Werken im Bereich Geschichte und hier insbesondere in Bezug auf Charakter und Beziehungen der einzelnen Akteure gehören, darf man Feuer in der Prärie dennoch als äußerst gelungenen Versuch betrachten, allen an Osteopathie Interessierten die für die moderne Osteopathie so bedeutende Gründerzeit der Osteopathie auf unterhaltsame Weise zu enthüllen.
Falls die Lektüre des vorliegenden Werks Ihr Interesse an der Geschichte der Osteopathie geweckt haben sollte: Am Ende des Buchs finden Sie eine kleine Auswahl an weiterführender Literatur.
Schluss
Für jene, die in der Osteopathie mehr als nur eine Methode oder ein Verfahren sehen, aber auch für alle, die sich für bedeutende medizinhistorische Ereignisse interessieren, bietet das vorliegende Buch eine hervorragende und abwechslungsreiche Möglichkeit, die Gründerzeit der Osteopathie fast »hautnah« mitzuerleben. In diesem Sinn wünsche ich Ihnen viel Vergnügen beim Schmökern in Feuer in der Prärie.
Christian Hartmann
Pähl, November 2009
Einführung des Autors
Mühsal und Chance des Pionierlebens im amerikanischen Grenzland, Entschlossenheit und Trauer, die der Bürgerkrieg ihm brachte, aus Verzweiflung geborene Erfindergabe – und Romantik: Ein Geflecht aus all dem war das Leben des Andrew Still, des Begründers der osteopathischen Herangehensweise an die Medizin.
Das heutige Amerika strebt aufgrund seiner modernen Technologien und seines Konzept einer demokratischen Republik nach der Weltführerschaft. Häufig vergessen wir allerdings die anderen wichtigen Beiträge der amerikanischen Kultur für die Welt – etwa die kommerzielle Bereitstellung von elektrischem Strom, das Automobil und die Telekommunikation. Und auch die Osteopathie als ganzheitlicher Ansatz in der Gesundheitspflege ist ja eine echt amerikanische Neuerung.
Manche Leser, die einigermaßen mit Dr. Still vertraut sind, mögen von einigen Ideen, Dialogen oder Themen, denen sie in diesem Roman begegnen, überrascht sein. Natürlich trifft man in diesem Genre auf ein gewisses Maß an Freiheit. Dennoch war das Achten auf Genauigkeit bei der Darstellung der Person Still und auf Authentizität, was die Wiedergabe seiner Worte anbelangt, ein wichtiger Aspekt bei diesem Projekt. Die meisten Szenen und Dialoge wurden abgeleitet aus dem akribischen Lesen von Stills Autobiographie, aus frühen Ausgaben des Journal of Osteopathy, aus Aufzeichnungen von Still-Schülern wie E. E. Tucker und Arthur Hildreth und aus Stills eigenen handschriftlichen Notizen, verfügbar im A. T. Still University Museum. Auch Beobachtungen und Recherchen von anderen Autoren wurden herangezogen. Eine Liste dieser Quellen enthält der Anhang. Viele Dialoge basieren auf Aufzeichnungen von Reden, und öffentlich gemachte Aussagen sind oft als tatsächliche Zitate wiedergegeben. Wenn Sie als Leser ein Problem mit einem Namen, einer Begebenheit oder einem Dialog haben, betreiben Sie ein paar Nachforschungen oder kontaktieren Sie die Angestellten des Museums – und möglicherweise erleben Sie dann eine Überraschung.
Die mittlerweile üblich gewordene stereotype Sicht auf Still als klugen, aber eigensinnigen und kaum gebildeten, hinterwäldlerischen Exzentriker beleidigt nach Meinung des Autors den Mann und wird zudem seinem Genius nicht gerecht. Das vorliegende Buch wurde nicht geschrieben, um Still zu idealisieren. Es ist vielmehr ein Versuch, ihn in seinen wahren historischen und intellektuellen Kontext zu stellen als einen einfühlsamen Menschen, der auf profunde und positive Weise an der Vervollkommnung der westlichen medizinischen Kultur mitgewirkt hat.
Die Absicht war nicht, ein Monument für einen toten Mann zu errichten, sondern Stills Leben so zu porträtieren, dass junge Träumer, Denker und Reformer durch seine kühnen Gedanken angespornt werden, Ideen und Bemühungen weiterzuentwickeln als Teil einer lebendigen Tradition des Mitgefühls, des Wagemuts und der Experimentierfreudigkeit in dem Streben, herauszufinden, wer wir wirklich sind. Jene, denen Still den wertvollen Schatz seines originalen Gedankenguts als Erbe hinterlassen hat, haben die Chance, diese Gedanken weiterzutragen, indem sie anerkennen, welch enormer menschlicher Einsatz an deren Anfängen stand.
Gesundheit ist kein Absolutum, sondern ein dynamischer Prozess. Gesundheitsfürsorge als kulturelle Leistung ist ebenso dynamisch. Teile dieser Dynamik in der Medizin und Osteopathie werden durch Leidenschaft angetrieben. Wissenschaft bedeutet in der Osteopathie demnach Wissen, verflochten mit der Sehnsucht des menschlichen Geistes. Und all das stellt sich im Zusammenhang der individuellen Persönlichkeiten und der einzelnen menschlichen Beziehungen heraus.
Still war, so wie wir heute, eingebettet in einen historischen Kontext, der ihn zwang, seine tiefsten Erfahrungen in der Sprache seiner Zeit zu formulieren. Aber das, was zum Ausdruck gebracht wird, ist niemals die Erfahrung selbst. Er verwendete die reichhaltigste Sprache – Göttlicher Verstand, Philosophie, Körper-Geist-Seele, der Mensch als Maschine, Biogen – in dem Versuch, die gesamte Bandbreite seiner persönlichen Erfahrungen zu erfassen. Wie flüssiges Glas beim Abkühlen erstarrt, so werden jedoch auch die Einsichten und phänomenologischen Abenteuer eines aktiven Geistes fixiert oder eingeschränkt, sobald sie zum Ausdruck kommen. Während seines ganzen Lebens lebte Still wie auch jeder andere Autor oder Lehrer in diesem Spannungsfeld. In Stills Fall wurde dieser Zwiespalt verstärkt durch den Kampf, den es kostete, Stills Ideen zu einer großen internationalen Institution zu entwickeln. Eben jene Spannung im Leben eines großen Humanisten, eines Genies und Denkers herauszuarbeiten und den von ihm gegründeten Beruf darzustellen, versucht dieser in Form einer Fiktion vorliegende Bericht.
Als sich das Projekt entwickelte, musste ich mich vor meinem Gewissen mit dem Problem der Einbeziehung eigener Gesinnungen und Erfahrungen auseinandersetzen. So ein Einbeziehen lässt sich beim Schreiben kaum vermeiden, auch wenn es sich um eine historische Fiktion handelt. Mir wurde klar, dass ich durch all die Jahre meines bewussten Lebens Stills Streben in seiner mystischen Annäherung an die Welt der Natur teilte. Und ich erkannte, dass ich bereits vor 25 Jahren, als ich während meiner ersten Studienzeit seine Autobiographie las, mit Still in Verbindung getreten bin, und dieses Forschen und feinsinnige Wahrnehmen inzwischen in meine klinische Praxis übernommen habe.
Ich sah, dass meine Erfahrungen denen von Still sehr ähnelten. Meine »Interpretation« ist demnach eher Teil einer Vereinigung als eine Projektion. In den Epilog ist das eingeflossen, was ich vor vielen Jahren in einer knackig kalten Oktobernacht beim Lesen von Stills Research and Practice 1 auf einem Berggipfel in West Virginia erlebt habe.
Nun, mein Freund, die Arbeit ist, was sie ist. Ich hoffe, sie hilft, allen interessierten Osteopathen ein besseres Verständnis für die Position zu vermitteln, die wir alle im Grunde teilen. Für den Leser, der noch nichts über den osteopathischen Ansatz in der Medizin weiß, hoffe ich, dass das vorliegende Werk seine Neugierde weckt.
Zachary Comeuax
27. 9. 2007
Die Verabredung
Die Morgensonne spiegelte sich auf dem handpolierten Knauf von John Freemans Gehstock, als er die Harrison Street in Kirksville, Missouri, entlanghumpelte. Die Stadt pulsierte voller Leben und der Kutschverkehr an diesem Morgen war beachtlich. Es war der 2. Mai 1899, ein Dienstag. Unruhig und voller Erwartung schob Freeman seinen Mantel zur Seite und zog eine Taschenuhr aus seiner Hosentasche. 9 : 18 Uhr. Auf dem Terminzettel, den er aus seiner Hemdtasche gezogen hatte, stand 10 : 00 Uhr. Ganz oben auf dem Zettel war Krankenhaus der A. S. O. zu lesen. Endlich hatte er einen längst überfälligen Termin mit Andrew Still in dessen American School of Osteopathy.
Zu stolz, um die Farm im fernen Kansas aufzugeben, war Freeman nun sehr auf seine Familie angewiesen, die das Vieh fütterte und die Saat ausbrachte. Die Arbeit war für jeden schwer; es musste sich etwas ändern, und so war er gezwungen, seinen Stolz zu überwinden und hierherzukommen. Sein hinkender Gang sprach Bände über seine Rücken- und Hüftschmerzen.
Aufgewühlt von einem Wirbel aus Emotionen wartete er auf die Begegnung mit dem »Alten Doktor«, wie man Still nannte. Prophet, Wunderheiler, fanatischer Irrer – auch das waren Etiketten, die man ihm anhängte. Die Prediger zu Hause hatten, als sie von Freemans geplanter Reise hörten, versucht, ihm das Treffen mit dem »Diener des Teufels« auszureden.
Für John erschien die Lage hoffnungslos. Aber andere, die es müde waren, ihn die Schmerzen des lahmen Beines ertragen zu sehen, seine Verzweiflung, den Niedergang der Farm und das jahrelange vergebliche Herumdoktern mit Opium und »Fusel« hatten ihn ermutigt, Stills Hilfe zu suchen. John selbst hatte, was diesen Einfall betraf, so seine Bedenken, aber nun war er schließlich da. Ja, er war verzweifelt, aber – durfte er noch einmal hoffen? Wie tausend anderen schien auch ihm die Osteopathie diese letzte Hoffnung zu sein. Doch die alte Beinverletzung barg eine noch größere Belastung als nur die Schmerzen und das Hinken. Jene tiefere Wunde schwärte sogar noch nach all den Jahren. Würde Still diesen geheimen Teil bei seiner Befundaufnahme erkennen? Diese Frage und eine Art Scham nagten an Johns Gewissen.
Beklommen bewegte sich Freeman auf das Krankenhaus zu. Es schien beeindruckender als die meisten angrenzenden Gebäude. Als er näher kam, fühlte sich der eingefasste Schotter unter seinen Füßen ungewohnt an und seine ebenmäßige Oberfläche erleichterte das Gehen ungemein. Jemand wusste, was er tat, als er diesen Ort gestaltet hat, dachte Freeman. Zu Hause bestand seine Welt aus Wagenradfurchen in einer mit Erdhörnchenlöchern gespickten Prärie. Betrat er nun eine neue Welt?
Drinnen schufen die frisch geölten Holvertäfelungen und die großen Fenster eine Aura von Helligkeit und Frische – trotz der Anwesenheit von so viel Krankheit. Strom und fließend heißes und kaltes Wasser in allen Zimmern erschienen Freeman als ein Gipfel an Modernität. Seine Stimmung hob sich ein wenig, während er durch die Eingangshalle ging.
Familien auf Wartebänken, Patienten auf dem Weg zu ihren Zimmern oder in Rollstühlen sitzend – die Gründe für ihr Hiersein waren offensichtlich. Es ging sehr geschäftig zu, obwohl viele wie Freeman sowohl Zweifel als auch Hoffnung in sich trugen. Die etablierte Medizin war immer noch auf einem sehr primitiven Stand. Das Mikroskop wurde zwar allgemein genutzt, doch Diagnosen erstellte man anhand äußerlicher Symptome.
Herkömmliche Medikamente waren rar und nur wenig weiter entwickelt als die Kräuterheilkunde. Nach dem Bürgerkrieg gab es viele Verluste und Behinderungen. Morphium schien man dem Opium vorzuziehen. Es führte jedoch ebenfalls zu Abhängigkeit und versklavte viele, die die Versklavung ihrer Mitbrüder bekämpft hatten. Die Medizin machte reiche Versprechungen, brachte aber nur spärliche Tröstungen – und groß war die Zahl der Patienten, die unter dem Chirurgenmesser starben.
Doch hier wurde, so sagte man, eine andere Methode angewandt. Die Leute sprachen über »unblutige Operationen« und über »die Nutzung der Selbstheilungskräfte des Körpers«. Operationen mit dem Messer galten nur als letzter Ausweg, um Leben zu retten. Diese kühnen Behauptungen verflüchtigten sich angesichts der etablierten Medizin. Und doch brachte die Wabash-Eisenbahnlinie täglich Hunderte, die auf Besserung, wenn nicht gar auf Heilung hofften.
»John Freeman? Mr. John Freeman!?«
Freeman nickte der Dame an der Anmeldung zu.
»Bitte kommen Sie zu mir herüber«, bat Sally Taylor mit angenehmer Stimme.
»Das macht dann 9 Dollar Anzahlung für die ersten drei Anwendungen in der ersten Woche. Danach kostet die Behandlung 25 Dollar im Monat. Wenn Sie sich zum Bleiben entschließen, wird die Anzahlung von Ihren Gebühren für den ersten Monat abgezogen. Sie können im Poole Hotel einkehren, oder wenn Sie es wünschen, eine Privatpension aufsuchen, was recht geeignet wäre, sollte sich Ihr Aufenthalt doch als etwas länger erweisen, als Sie erwarten. Ma Scott’s ist recht gut, falls sie dort ein Zimmer frei haben. Das Hotel würde Sie 10 Dollar im Monat kosten. Ein Gästezimmer bei jemandem oder eine Privatpension kostet Sie 3 bis 5 Dollar. Also, Sie haben die Wahl. Sie haben noch Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, doch jetzt sollten wir uns um Ihre Angaben und die Anzahlung kümmern.«
Nachdem alles erledigt war, fuhr Sally fort:
»Vielen Dank, hier ist ihr Beleg; diese junge Dame wird Sie dahin bringen, wo Sie hinmüssen.«
»Guten Morgen, Mr. Freeman, bitte kommen Sie mit mir. Ich bin Ihre Schwester, Miss Shreve.«
Schwester Shreve, an die geschäftige Betriebsamkeit und den Tagesrhythmus dieses Ortes gewöhnt, führte den Gast den weiten Gang hinunter bis zu einem Untersuchungszimmer. Freeman nahm dort zunächst auf einem Stuhl Platz und beäugte gründlich den von einem großen Fenster beherrschten Raum, in dem noch ein zweiter Stuhl und ein Schreibtisch standen. Das Zimmer war erfüllt von Luft und Licht und lag, wenngleich es die Brise und etwas von der Geschäftigkeit der Stadt hereinließ, doch hoch genug über der Straße, um eine private Atmosphäre zu behalten.
Wozu der Behandlungstisch und der kleine Hocker dienten, schien klar. Doch es gab auch einen merkwürdigen neumodischen Apparat. Er wirkte auf Freeman, als sei er halb Stuhl, halb Mausefalle, mit einer Art von verstellbaren Polstern entlang der Rückseite. Die Schwester bemerkte seine Neugierde.
»Machen Sie sich keine Sorgen, er beißt nicht und wird auch nicht für irgendeine Folter genutzt. Es ist ein Spezialstuhl, den Dr. Still erfunden hat, um exakt dort anpassend einwirken zu können, wo es nötig ist. Der Doktor wird Ihnen während der Behandlung alles genau erklären. Nun müssen wir noch ein paar Formulare ausfüllen, bevor er kommt.«

ABB. 03: BEHANDLUNGSRAUM IM OSTEOPATHIE-KRANKENHAUS IN KIRKSVILLE, CA. 1905.
Die Schwester füllte ein Formular mit Standardfragen über akute Beschwerden, eventuelle andere Erkrankungen, Diäten und bisherige medikamentöse Behandlungen aus und fragte dann mit fester Stimme: »Gibt es noch irgendetwas anderes, das wir über Ihre Krankengeschichte wissen sollten?«
Freeman zögerte und geriet ins Schwitzen »Da gibt es noch etwas, was ich aber lieber mit Dr. Still besprechen möchte.«
»Bitte, Sir«, redete die Schwester ihm gut zu, »es ist für den Doktor sehr hilfreich, wenn er alle Informationen schon vorher erhält.«
Freeman murmelte: »Ich glaube, das bespreche ich besser mit Dr. Still.«
»Aber Sir …«, begann die Schwester eine Spur strenger.
Freeman vergaß seine guten Manieren und schlug seinen gewohnten Farmaufseher-Ton an, indem er mit erhobener Stimme beinah schon ein bisschen aggressiv klarstellte: »Ich weiß, was Sache ist, Miss. Und ich weiß, was ich will. Ich glaube, dass ich das besser mit Dr. Still direkt bespreche!!«
Ängstlich erwiderte die Schwester »Gut, ganz wie Sie wünschen.
« Sie wies den Patienten an, seine Straßenkleidung hinter einem Wandschirm gegen den dort bereitgelegten Untersuchungskittel zu tauschen. Dann drehte sie sich um, betätigte die Klingel und huschte hinaus.
Freeman saß allein in der spannungsgeladenen Stille. Nach ein paar Minuten – ihm erschienen sie wie eine Stunde – öffnete sich die Tür und Dr. Still, fast sechs Fuß groß, hager, gepflegtes Äußeres und wohl etwa so alt wie Freeman, trat ein.
»Guten Morgen, Sir. Mr. Freeman, wie ich höre.«
»Guten Morgen Doktor. Ja, Freeman, John Freeman.«
Still nahm am Schreibtisch Platz, strich sich über seinen rauen Bart und warf einen kurzen Blick auf die Notizen der Schwester.
»Nun, lassen Sie uns mal sehen. Hüfte und Rücken, hmmm …«
Der Doktor hielt inne und betrachtete seinen Patienten lange. Freeman war beeindruckt von der Intensität dieses Blicks, von der Kraft, die hinter den durchdringenden grauen Augen stand.
»Soviel ich sehe, begann das also vor ein paar Jahren mit Schmerzen in einem Bein. Aber Sie haben doch noch etwas auf dem Herzen, Bruder. Was macht Ihnen noch zu schaffen?«
Jahre hatte Freeman auf diesen Moment gewartet hatte – und jetzt wusste er nicht, wo beginnen. Ja, da war dieser Schmerz, die Frustration, die mit dem Verlust an Jugend und Männlichkeit einherging. Aber die eigentliche Wunde saß noch tiefer. »Doktor, ich brauche Hilfe für mein Bein, aber da ist noch etwas anderes, über das wir vorher sprechen sollten. Eine andere Verletzung.«
»Ja, Bruder, was ist es?«
»Bevor Sie mich Bruder nennen, sollten Sie wissen, dass wir uns schon einmal begegnet sind, am Little Blue. Ich habe damals unter Price gekämpft.«
Für einen Moment stand die Zeit still und jeder der beiden Männer hing seinen eigenen Gedanken nach. Die Zeit raste um 30 Jahre zurück. Zurück in ihre Jugend. Zum Little Blue, einem schmutzigen kleinen Fluss südwestlich von Westport, im Süden von Kansas auf der Missouri-Seite.
Still rief sich den Tag ins Gedächtnis. Seine Einheit, die 21. Kansas-Miliz, hatte den Befehl erhalten, die Union um General Totten zu unterstützen. Zusammen bildeten sie eine Armee von 35.000 Mann, die sich den Konföderierten unter General Price entgegenstellte. Davor waren Stills Mitkämpfer, Sklavereigegner wie er, lediglich ein lose organisierter Haufen unter dem Banner von James Lane gewesen und zumeist nur in Verteidigungsbereitschaft gestanden gegen die Übermacht derer, die für den Erhalt der Sklaverei kämpften. Immerhin hatten sie aber auf die Guerilla-Methoden von Quantrells Armee reagiert, die erst kürzlich die Gemeinde Lawrence, eine in der Nähe gelegene Hochburg der Sklavereigegner, niedergebrannt hatte.
Obwohl der 36. Breitengrad (die südliche Grenze Missouris) als nördlichste Grenze des Sklaven-Südens galt, wurde Missouri im Jahre 1820 der Union der Sklavenstaaten zugerechnet – ein Kompromiss, um die Aufnahme von Maine in den Bund der sklavenfreien Staaten auszugleichen. 1855 hob das Kansas-Nebraska-Gesetz die Unantastbarkeit der Grenze am 36. Breitengrad auf und öffnete damit auch die nördlichen Territorien für die Sklaverei. Doch noch 1862 wurde die Angelegenheit heiß debattiert.
Siedler beider Lager, Befürworter und Gegner der Sklaverei, hatten ihr Leben in der Erwartung und Hoffnung aufs Spiel gesetzt, dass die Politik sich zu ihren Gunsten drehen werde. Die Anspannung wuchs. Scharmützel unter Nachbarn entlang der Grenze zwischen Missouri und Kansas waren häufig und die täglichen Routinearbeiten erforderten erhöhte Wachsamkeit. Still erinnerte sich an unschöne Momente, als seine Truppe während eines Manövers in den Wäldern auf Konföderierte traf.
Religiöser Eifer ließ den Wirbelsturm an weltanschaulichen Ideologien und politischen Überzeugungen noch stärker aufbrausen. Prediger wie John Brown und Henry Ward Beecher stachelten die Minderheit der Sklavereigegner zu einem wahren Kreuzzug an. Beecher predigte sogar das Anlegen von Waffenlagern, die man Beecher-Bibeln nannte. Brown brachte Verwandte und Nachbarn ins Spiel, die wie Kämpfer bewaffnet waren.
Mit seinem Streben nach höheren Werten, zu denen auch Freiheit für alle Geschöpfe Gottes gehörte, trat Still in die Fußstapfen seines Vaters Abraham Still, eines umherziehenden Methodistenpredigers, der sich mit seinen Überzeugungen bei den meisten Methodisten nicht gerade beliebt gemacht hatte. Die Familie war daher sicherheitshalber nach Baldwin, Kansas, eine Gemeinde Gleichgesinnter, umgezogen. Allerdings war die Sicherheit auch dort nur relativ. Missouri und Kansas wurden zu einem Schachbrett nationalpolitischer Interessen.
Leidenschaften und Fanatismus brodelten auf beiden Seiten, denn alle Grenzland-Siedler waren Menschen von starkem Charakter, ausdauernd und voller Visionen. William Clarke Quantrell, der die Meinung der Mehrheit in Kansas vertrat, startete einen Feldzug und brandschatzte und plünderte im August 1855 die Freistaatengemeinde von Lawrence, nördlich und östlich von Baldwin. Brown organisierte einen Gegenschlag durch seine Gefolgsleute und metzelte Familien der Sklavereibefürworter am Pottawatomie Creek nieder, schleppte die unbewaffneten Bewohner in die Nacht hinaus und quälte sie brutal mit Kavallerieschwertern.
So waren die Zeiten damals. Die Wunden verheilten nur langsam und nicht Wenige verbrachten jahrelang ihre Nächte in Höllenqual, unfähig, die entsetzlichen Bilder der Vergangenheit mit denen zu teilen, die neben ihnen lagen.
Noch immer durchforschten beide, Still und Freeman, das Gesicht des jeweils anderen und stießen dort auf die disziplinierte Kälte unterdrückter Erinnerung.
Still war Hauptmann und Wundarztassistent. Seine Einheit aus Freiwilligen, wenngleich nur Begegnungen mit ähnlich kleinen Truppen gewohnt, bedrängte erfolgreich die Übermacht des unmittelbar vor ihr stehenden Feindes, fand sich jedoch im Eifer des Gefechts plötzlich jenseits der Frontlinien der sich zurückziehenden Konföderierten wieder – abgeschnitten von der Union Force.
Der Kampf tobte heftig, aber Drew – so hieß Still zu Hause – und sein Maultier tricksten die Kugeln aus. Einige Patronen durchlöcherten zwar Stills Mantel, er selbst blieb jedoch unverletzt. Doch dann, war es nun Rücksichtnahme, Zufall oder Ungeschick, erschoss der Gegner statt Drew dessen Maultier, das im Niederfallen aber seinen Besitzer unter sich begrub. Verkrampft und benommen vor Schmerz lag Drew eine Weile reglos. Im wurde klar, dass er sich nicht mehr verteidigen konnte. Die Kameraden hatten ihn als vermeintlich Toten zurückgelassen – und nun erwartete ihn wohl der Tod. Nur nicht bewegen jetzt! Das war seine einzige Chance, Klinge oder Kugel des Feindes zu entgehen. Langsam glitt sein Geist aus diesem Zustand von Schock und verzweifeltem Zaudern in zeitlose Bewusstlosigkeit hinüber.
»Alles wird gut, komm einfach nur nach Hause …«, flüsterte eine sanfte Stimme in die Stille seiner Seele.
»Mary?«
Der Geist seiner verstorbenen Frau schien ihn zu trösten.
Drew, immer noch betäubt und reglos in der hereinbrechenden Dämmerung liegend, fragte sich, warum. Die knatternden Schüsse und der Gestank von Schießpulver, Dreck, Schweiß und Blut durchdrangen seine Sinne in einem Wirbel eingetrübten Bewusstseins. Das enorme Gewicht des Maultiers drückte ihn zu Boden, während ein heißes Brennen wie Feuer sein rechtes Bein hinunterkroch. Als der Kugelhagel ein wenig nachließ, begann er, sich zu sammeln.
»Bin ich erschossen worden? Wer hat gesiegt?«, fragte er sich. Doch es wurde ihm klar, dass es, solange er lag, keine sicheren Antworten gab.
Drückende Stille hatte sich über die Lichtung gebreitet. »Drew, steh auf, rette dich! Du hast noch einiges zu vollbringen.« Wieder weckte eine vertraute Stimme den todesmüden Mann, doch als er sich umschaute, sah er niemanden. War es wirklich seine Frau, die da sprach? Seine liebe, verstorbene? War es Mary? Aber nein, natürlich nicht! Hatte ihn die Todesangst verrückt werden lassen? Und doch: Die Stimme schien so klar, so nah. Während Drew weiter lauschte, öffnete sich sein Blick und ließ das grauenvolle Bild ein, das sich ihm ringsum bot. Sterbende, wohin man auch sah. Ihr Ächzen und Stöhnen ersetzte nun das Pfeifen und Knattern der Gewehrsalven. Allmählich wich der Schlachtenrauch dem milden Dunst der Dämmerung. Die Nacht zog herauf. Ihr Atem machte Drew seine missliche Lage bewusst und weckte seinen Überlebenswillen. Höchste Zeit, zu handeln! Er vernahm die Stimme seines Vaters: »Du musst dich jetzt um dich selbst kümmern, mein Junge.« Zum Glück war Drew auf dem schlammigen Feld unter der weichen Flanke des Maultiers eingeklemmt und konnte so nach langem Bemühen erst seine Schultern und dann Brust, Becken und Beine unter dem erschlafften Tier hervorziehen.
Als er sich mühsam hochrappelte, wurde er seiner Verletzungen gewahr. Glücklicherweise hatte er nur Prellungen und keine Knochenbrüche oder Schusswunden erlitten. Ein dumpfer Schmerz in der Leistengegend sollte sich allerdings später als schwerer Leistenbruch herausstellen, der ihn für den Rest seines Lebens quälen würde. Zwar hatte seine Truppe Price zum Rückzug gebracht, doch hüben und drüben hatten viele ihren Einsatz mit einem hohen Preis bezahlen müssen und waren nicht wie er glücklich mit einem zerschossenen Mantel davongekommen. Unter den Nachbarn, die Drew auf beiden Seiten der Front wiedererkannte, war jedenfalls keiner, dem seine Hilfe noch etwas genützt hätte.
Es war weniger Zeit verstrichen, als er gedachte hatte. Seine Männer erwarteten einen Befehl. Er rief nach dem Trompeter, um die Truppen in geschlossene Reihen zu sammeln, bestieg eines der erbeuteten Pferde und folgte mit seinen Leuten der zurückweichenden feindlichen Armee, ohne jedoch einen erneuten Angriff zu forcieren. Am folgenden Morgen setzten sie die Verfolgung fort und es kam über den Tag hinweg zu kleineren Scharmützeln. Schließlich ließ man den Feind entkommen.
Als Freeman nun auf dem Untersuchungstisch des Krankenhauses saß, musste auch er an diesen Tag denken. Er und seine Nachbarn hatten mit Quantrell und den Konföderierten sympathisiert. Die meisten waren gen Westen in Richtung Freiheit gezogen, eine Freiheit, die ihnen von den Gründervätern des Landes versprochen worden war. Doch die Regierung im Osten schien gespalten zu sein. Teilweise traten die Argumente für eine Unterdrückung der Schwarzen vor staatsrechtlichen Belangen in den Hintergrund. In Illinois rief Stephen Douglas: »Lasst das Volk entscheiden!« Und nirgends war die Spannungen in Bezug auf das Thema Sklaverei stärker zu spüren als in Kansas. Sklavereigegner wurden als Fanatiker betrachtet, als eine Bedrohung etablierter Zustände, die es zu verteidigen galt, und ihr Feuer ließ sich durch nichts anderes löschen als durch Pulver und Blei.
John Freeman spann seinen Gedankenfaden weiter, während Stills Blick und der seine nach wie vor ineinanderruhten. An jenem Tag im Mai hatten Freeman und zwei seiner Brüder unter Quantrell in einer Division der Armee von General Shelby und Price in Westport auf der Missouri-Seite gekämpft und waren auf beachtlichen Widerstand seitens der Union und der gemischten Bürgerwehr gestoßen. Am Nachmittag hatten sie beschlossen, dem Feind zunächst auszuweichen und ihn dann an der Kampflinie zwischen Westport und Little Blue Creek aus einem Erlendickicht heraus zu attackieren.
Zeitweise hatte er in den feindlichen Reihen sogar Nachbarn erkennen können, die im Grunde ebenso für Freiheit fochten wie sie selbst. Alle kämpften sie gleichermaßen um ihr Leben und feuerten im Eifer des Gefechts einfach drauflos. Dann, plötzlich, hatte er die berittene Gestalt von Drew Still, dem anerkannten Arzt aus Baldwin, im Visier. Der überraschende Anblick bracht in ins Schwanken. Schießen oder nicht? Verwirrt zögerte er mit dem Finger am Abzug, ohne wirklich zu zielen. Dann hörte er doch seinen Schuss krachen und sah Maultier und Reiter fallen. Alles geschah blitzschnell. Durch den Gewehrrauch blies irgendwann die Trompete zum Rückzug und sie zogen mit der Armee von General Price weiter Richtung Osten. Noch lange nach Kriegsende quälten ihn Gedanken über die Folgen jenes Schusses. Irgendwie brachte ihm dieser Vorfall immer wieder das ganze Grauen des Krieges zu Bewusstsein und störte seinen Schlaf.
Freeman brach als Erster die Stille im Untersuchungsraum.
»Doktor, Major, Sir, ich war an jenem Tag ein schlechter Schütze. Ich zielte auf einen Mann und erlegte ein Maultier.«
»Ich verstehe«, entgegnete Still, der jetzt zu Boden sah, mit tief tönender, ernster Stimme. Nun wurde klar, weshalb der Patient so zurückhaltend gewesen war. Nach einer langen Pause hob der Doktor erneut den Blick. »Das waren schlimme Zeiten. Bruder gegen Bruder, Nachbar gegen Nachbar. Aber aus irgendwelchen höheren Gründen hat es wohl so sein müssen. Wir alle haben getan, was wir tun mussten. Hinter Ihrer mangelnden Zielgenauigkeit in jenem Moment steckte vermutlich eine höhere Absicht, meinen Sie nicht auch? Lassen Sie uns nun Ihr Bein ansehen.«
Still begann, Oberschenkel und Bein seines Patienten zu betrachten, dann piekte er, befühlte die Oberfläche, und bewegte das Glied hin und her. Während er arbeitete sagte er »Ich glaube, ich kann mich an ein paar Freemans in der Gegend um Brycyrus erinnern. Gehören die zu Ihrer Familie?«
»Ja Sir, das sind wir.«
»Sagen Sie, was macht Ihr Bruder, Charles?«
»Meine beiden Brüder wurden im Krieg getötet.«
»Und wie geht es Ihrer Frau?«
»Sie ist auch gestorben. An Meningitis.«
Still nahm nachdenklich Anteil »Ja, ich verlor 1859 meine Frau – zwei Monate nach der Geburt unseres letzten Kindes. Die Meningitis nahm uns damals alle Kinder bis auf eines. Das Leben in der Prärie kann sehr hart sein, nicht wahr? Aber wir müssen weitermachen.«
Ein wissendes, mitfühlendes Schweigen erfüllte den Raum.
»Nun gehen Sie bitte ein wenig umher; ich glaube, ich kann sehen, womit wir bei Ihnen anfangen. Sie wissen, dass das schon viele Jahre da ist; dennoch sehe ich etwas, woran wir arbeiten können.«
Während der Doktor das Bein und die Hüfte des Patienten in verschiedene Positionen bewegte, fuhr er fort »Wo wohnen Sie denn? Ich sage, dass es gewöhnlich eine Woche Behandlung braucht, um ein Jahr der Erkrankung aufzuholen. In Ihrem Falle können wir aber sicher schneller Erfolge erzielen, weil Sie in ziemlich guter Verfassung sind. Sie werden dreimal wöchentlich behandelt, entweder von einem Mitarbeiter oder von mir selbst. Alle sind Absolventen meiner Schule und hervorragende Behandler.
Sie können in die Schule hinübergehen, wenn sie möchten. In den Pensionen gibt es Badezimmer, natürlich mit heißem Wasser und gutem Essen. Wenn Sie über die Konditionen reden möchten, sprechen Sie mit meinem Sohn Charles. Die Schwester, die Sie begleitet hat, gibt Ihnen eine Übersicht der Bestimmungen dieses Krankenhauses. Doch das Wichtigste ist: Versuchen Sie, Ihre Fragen im Sprechzimmer zu klären. Sollten wir uns in der Stadt über den Weg laufen, kennen wir uns nicht. Da jeder anders ist, sprechen Sie bitte nicht mit anderen Patienten über Ihre Behandlung. Jeder Mann und jede Frau befindet sich auf einem eigenen Weg. Verstehen Sie? Haben Sie noch Fragen?«
»Nein, Major, Doktor, die ›Sprech‹-Stunde hat mir sehr geholfen; die Wunde beginnt bereits zu verheilen.«
Die beiden Männer sahen sich in die Augen und umarmten sich.
»Denken Sie daran, John«, sagte Still in seinem leisen, sanften, ernsten Tonfall, »die Vergangenheit ist das eine; im Hier und Jetzt und im Jenseits werden wir immer Brüder sein. Nur der Allmächtige weiß, warum diese Dinge auf der Erde geschehen. Ich hege keinerlei Groll.«
Dr. Still ging zur Tür, Freeman wandte sich um, um sich anzuziehen, doch als er Still nachschaute, bemerkte er dessen Gehstock.
Der »Alte Doktor« fuhr damit fort, eine Reihe von Patienten zu untersuchen, die ihm wahlweise von seinen Mitarbeitern in der Schule gesandt worden waren. Schließlich, nach getaner Arbeit, ging Still über die Veranda hinaus in die späte Morgensonne. Er setzte sich auf eine Bank in der Nähe und rief sich – immer noch in Gedanken an die Konversation mit John Freeman – den Ausgang der Schlacht am Little Blue ins Gedächtnis.
Nachdem sie sich wieder gesammelt hatte, ritt die von ihm aufgestellte Kompanie der sich zurückziehenden feindlichen Armee hinterher. Doch sie griffen nicht an. Am nächsten Tag setzten sie die Verfolgungsjagd fort, um Land zurückzugewinnen und Abstand zwischen die Streitmacht der Konföderierten und die Siedlungen in Kansas zu bringen. Dann brachen sie die Verfolgung ab. Den Nachzüglern der Konföderierten wurde erlaubt, ihre Toten zu begraben. Dabei kamen 140 Konföderierte unter die Friedensfahne.
»Hunger?«, witzelte Still, als die Männer mit vorgehaltener Waffe zu ihm gebracht wurden.
»Fast nichts mehr da, Major«, antwortete ein Sprecher der rauen Truppe.
»Hört zu«, sagte Still ernst vom Rücken eines Pferdes herunter, »und unterbrecht mich nicht. Der Krieg ist etwas Schreckliches. Was uns treibt, ist teils die Loyalität unserer Familie gegenüber und die Vorstellung, dass die Dinge schon seit wir denken können so waren, und teils der Hunger und das Bestreben, denen zu folgen, die unser politisches Geschehen lenken. In jedem Falle ist es nicht unser innigstes Ziel, unseren Bruder zu töten oder unseren Nachbarn. Und doch tun wir es, verblendet von diesen anderen Gegebenheiten. Ich weiß, dass ihr Konföderierten eine Menge Brüder unserer Union umgebracht habt, obgleich sie die weiße Flagge gehisst hatten. Macht es Spaß, auf diese Weise zu töten?
Mit diesem Gedanken im Hinterkopf wollte ich euch heute erschießen, als ich euch kommen sah, und vielleicht sollte ich es auch tun … euch mit Kaffee und warmem Essen erschießen, um euren Kummer in Freude zu wandeln. Nun verschwindet und schleppt eure schmutzigen Gerippe zum Versorgungslager und langt tüchtig zu.«
Zusammengezogene Augenbrauen machten in den Gesichtern der verzweifelten Männer erleichtertem Lächeln Platz.
Am nächsten Tag folgten sie den Truppen von Price und sahen die Staubwolke ostwärts ziehen. Sie verfolgten sie etwa 90 Meilen bis über die Grenze zwischen Missouri und Kansas.
Bald erhielt Still den Befehl, die auf Zeit verpflichteten Freiwilligen unabhängig von ihrem Zustand aus seiner Kompanie zu entlassen und sie zu ihrer wohlverdienten Pause nach Hause zu schicken, damit sie wieder zu ihren Familien kämen. An der Grenze tobte der Krieg und die Verhältnisse waren schrecklich. Die Belastung für die Familien war auch ohne Krieg schon enorm. Vorwärtsgetrieben ohne Atempause, mit der Gefahr von Desertion und Demoralisierung im Nacken, wurden die Soldaten zu jener harten Bande geschmiedet, die sie nun eben waren. Mochte auch die eine Seite für die Union kämpfen: Beide Seiten fochten doch für das gleiche Ziel – Freiheit!
Drew setzte den Entlassungsbefehl um – allerdings in seiner ganz typischen Art. Er versammelte die Kompanie und forderte sie heraus:
»Ich möchte wie gesagt nicht, dass irgendeiner von euch den anstrengenden Marsch, der vor uns liegt, auf sich nimmt und sich weiter in diesen schrecklichen Konflikt begibt, wenn er dem nicht gewachsen ist. Sollte irgendjemand zu krank, zu zaghaft oder zu schwach sein, sich uns anzuschließen oder sich aus irgendeinem anderen Grunde nicht in der Lage fühlen, die Härte und die Gefahr zu ertragen, muss er nicht mitkommen. Aber all jene, die sich bereit erklären, mit mir durch jede Strapaze oder Gefahr zu gehen, treten sechs Schritte vor.
Na, wie viele von euch folgen mir? Wie viele haben den Ehrgeiz, die Entschlossenheit, die Sache durchzuziehen?«
Darauf folgte ein Moment der Stille und der Besinnung. Viele neigten ihre Köpfe und durchforschten ihre Seelen. Bilder von ihren Familien stiegen in ihnen auf, die Angst vor erneuter Verwundung und Erschöpfung, Hunger – das Grausen vor weiterem Töten – viele schreckten davor zurück.
»Wie viele? Sechs Schritte vortreten!«
Stille, Zögern, dann trat der Erste vor, weitere folgten. Alles in allem trat ein Drittel der Männer vor.
ABB. 04: MARY VAUGHN, CA. 1855
»Sehr gut, Jungs. Doch wir haben andere Befehle. Wir alle gehen nach Hause!« Still brach in ein schallendes Gelächter aus, das sich schnell durch die Truppe fortsetzte. Freudige Gewehrsalven wurden abgegeben, Hüte in die Luft geschleudert, Pferde wieherten.
Hauptmann Brandon an Stills Seite bemerkte: »Gut gemacht, Major!«, und ritt davon. Still zügelte sein unruhiges Reittier und schaute einen Moment den wegziehenden Männern gedankenverloren hinterher. Dann lenkte er sein Ross durch ein sanftes Ziehen westwärts.
Derlei Erinnerungen strömten auf Still ein, während er nun hier in Kirksville saß und die frühe Maisonne genoss. Dankbar dachte er an die Stimme, die ihn damals zurück ins Bewusstsein gebracht hatte. »Danke, Mary, dass du an jenem Tag für mich da gewesen bist. Danke, dass du heute für mich da bist.« Das Leben ist so vollkommen und so eigenartig, dachte Still. Nach all der Zeit – man schrieb mittlerweile das Jahr 1899 – und trotz seiner glücklichen zweiten Ehe mit Mary Turner schien seine erste Frau Mary Vaughn immer noch eine Seelenverwandte und tägliche Begleiterin für ihn zu sein. Er sprach oft mit ihr und es schien ihm ganz natürlich.
Ein goldener Morgen
Die Strahlen der sommerlichen Morgensonne ergossen sich durch das Blattwerk. Obwohl dem jungen Drew Still, jetzt sieben, der Weg durch die Wälder Virginias bekannt war, erschien er ihm an diesem Morgen unwirklich. Ein zäher, kühler Dunst zerstreute das Licht und verlieh der Waldluft eine köstliche Frische. Alles schien wie verzaubert. Der Junge blieb verwundert von der stillen Schönheit des Ganzen stehen. Welch großartiges Werk eines allwissenden und freigebigen Schöpfers! Als er sich auf den Weg durch die Schlucht zu einem Bach machte, der unter der Steinbrücke hindurchfloss – ein Pfad, den er mit seinen Brüdern Edward und James schon oft gegangen war – fühlte sich dieser Ort ganz anders an. Ein seltsames Gefühl. Angst überkam ihn, eine dunkle Vorahnung. Lauerte etwas auf ihn? Eine reale Angst – in dieser Gegend gab es Bären und Luchse, sogar Pumas. Doch irgendetwas zog ihn weiter.
Ebenso gefährlich waren Begegnungen mit den kriegerisch Gesinnten unter den Ureinwohnern des Landes. Die Familie Still und ihre Nachbarn rund um Jonesville teilten sich die Wälder mit den Cherokee-Indianern. Auf den Spuren der Entdecker »Long Hunter«, Daniel Boone, Bigfoot Spencer und anderer hatte man 1775 begonnen, eine Straße durch die Wildnis in Richtung Westen zu bauen. Das Heimatland der Indianer erwies sich als ideales Farmland für die Weißen. Die Gemeinde rund um Jonesville erfuhr die meisten Neuigkeiten von denen, die diese Strecke bereisten und hier eine Rast einlegten, um für ihre Weiterreise nach Cumberland Gap ihre Vorräte aufzustocken. Nach den 40 Jahre zurückliegenden Kriegen hatte seitens der Ureinwohner eine gewisse Toleranz geherrscht, doch seit der Verabschiedung des Indianer-Umsiedlungsgesetzes von 1830 wuchs ihre Unruhe. Was später »der Pfad der Tränen« genannt werden sollte, war zwar immanent, aber dennoch nicht voraussehbar.
Doch ein 7-Jähriger lässt sich von solchen Überlegungen der Erwachsenen nicht abschrecken. Die von jener Schönheit und Stille geweckte Neugierde und Begeisterung trieben Drew an. Normalerweise wurden Ausflüge in die Wälder geplant und von ihm in Begleitung eines Familienangehörigen unternommen. Doch an diesem Morgen war er spontan aufgebrochen. Er wollte weitergehen und entdecken. Seine Füße bewegten sich vorsichtig, die Augen und Ohren nahmen alles ringsum wahr. Während er den gut ausgetretenen Pfad entlanglief, strichen seine Finger über weiche Blätter. Steinchen rieselten durch das Laub auf seine Schultern herab und verrieten die Anwesenheit eines Grauhörnchens, das flink über das Ende eines schmalen Astes huschte, den Zweig mit seinem Schwanz umschlingend und nach reifen Walnüssen suchend. Drew konnte das Ingweraroma der zerbrochenen Schalen riechen. Das leichte Rascheln der Blätter dort oben verriet die Position des pelzigen Gesellen. Hätte er sein Gewehr dabeigehabt, wäre das Tierchen wohl auf dem Mittagstisch gelandet. Drew bewegte sich und das trockene, goldene Laub der Walnussbäume knisterte unter seinen Schuhen. Das Hörnchen erschrak und sprang auf einen höheren, sicheren Ast. Es stieß einen Warnruf aus und die Antwort seiner Kameraden lenkte den Jungen ab, als sie über die Lichtung huschten. Dann war alles wieder still.
Ganz einfache Dinge schienen an diesem Morgen wundersam. Das Hörnchen hatte einen Schwanz; wie praktisch. Drew war neidisch. Es war schwierig auf Bäume zu klettern. Das Hörnchen war klar im Vorteil. Der Eichelhäher hat Flügel. Der kleine Drew, ein geschickter Jäger, hatte jedes dieser Geschöpfe schon einmal fachmännisch zerlegt und dabei seine individuelle Anatomie erforscht. So unterschiedlich sie lebten, so starben sie. Fell oder Gefieder – absolut verschieden. Die Knochen einigermaßen ähnlich, doch offensichtlich auf ihre Anforderungen angepasst. Jedes schien die unterschiedlichen Launen ein und desselben Schöpfergeistes widerzuspiegeln. Wie weise.
Drew erreichte den Bach und hielt an der steilen Böschung inne. Sein Ziel war der geheime Treffpunkt auf dem Felsvorsprung unterhalb der natürlichen Brücke. Er folgte dem Bachlauf, der leise vor sich hin plätscherte durch die Felsen in den grünen Tunnel aus Unterholz. Da vorne lag das erweiterte Flussbett und hinter ihm das Naturwunder der steinernen Brücke. Drew setzte sich auf einen moosbewachsenen Stein am Flussufer, genoss die Kühle und den wiederkehrenden Ruf der Walddrossel in der Ferne. Er stocherte mit einem Stock in der spiegelnden Wasseroberfläche des Bassins, drehte kleine Steine auf dem Grund des Baches herum und scheuchte einen Krebs, der sich durch Schwanzschläge fortbewegte, von einem Versteck ins nächste. In der tiefen Stille des Morgens warfen die Wände des Tales das Echo der rollenden Steine und des aufspritzenden Wassers zurück.
Schließlich erreichte er die Brücke, einen natürlichen Tunnel aus Kalkstein, und setzte sich in den Schatten der Felshöhle. Spuren durchgesickerten Grundwassers hinterließen sonderbare Muster im Felsen und gaben ihm einen Einblick in den unterirdischen Teil der Welt. Seine Brüder und er pflegten sich Abenteuergeschichten zu erzählen von indianischen Heldentaten, Früchte ihrer lebhaften Vorstellungskraft, wenn sie in ihrem Versteck oberhalb des Flusses zusammensaßen. Über diesem Platz schwang ein Geheimnis.
An jenem Morgen konnte er, in seine Träumereien versunken, schon bald nicht mehr Äußeres und Inneres unterscheiden und die Sonnenwärme vermischte sich mit der Wärme ehrfürchtiger Bewunderung in seiner Brust. Er begann ein Zwiegespräch, in dem er dem Schöpfergeist für all diese Gaben, diese Welt, sich selbst und seine Familie dankte.
Drew stand auf und lief ein Stück weit den Pfad hinunter, der eine Biegung über den felsigen Bergrücken machte und schließlich zurück zur Farm führte. Während er tiefer in den Wald hineinging, dachte er über sein Leben nach; die häufige Abwesenheit seines Vaters, der sich »dem heiligen Wort« verpflichtet hatte, Begegnungen mit den Ureinwohnern, in der Schule die Probleme mit Professor »Prügelberg«. Ja, das Leben war hart. Zu Hause hatte Drew seine eigenen Verpflichtungen: Umgraben, Hühnerfüttern, Pferdestriegeln. Indem er sich ins Zeug warf wie die Hörnchen, half er seinen Leuten, sich auf den Winter vorzubereiten.
Ihm fiel wieder ein, dass die Erwachsenen in seiner Familie und in der Nachbarschaft immer häufiger vom Weiterziehen sprachen und fragte sich, wie lange diese Wälder wohl noch sein Zuhause bleiben würden. Das ausgedehnte Tal zwischen den Bergen bildete in dieser Region zwar eine weite Ebene, doch der dünne Erdboden durch den der Kalkstein zu Tage trat, war nur schwer zu bestellen. Seine eigenen Eltern hatten bereits erwogen, nach Missouri zu ziehen oder sonst irgendwohin, jedenfalls weiter westlich. Er dachte über das Land dort nach. Würde es dort auch Eichhörnchen geben, Hasen, Truthähne und Rehe? Drew fühlte sich in dieser Welt von Virginia sehr wohl, in der Natur, so wie sie zu ihm sprach über die Ordnung und Schönheit und über die liebevolle göttliche Weisheit. Hier kannte er sich aus, fühlte sich daheim und mit allem verbunden. Und die Natur versprach, ihn noch mehr zu lehren.
Für heute beendete er seinen Rundgang, kletterte den Bergrücken hinauf, verließ den Wald und betrat die Lichtung, wo die elterliche Farm stand.
»Pa!!«
Zu Drews Überraschung kam Abraham Still eben in leichtem Galopp um den Hügel in Richtung Haus geritten.
»Du bist eine Woche zu früh! Oh Pa, ich freue mich so sehr, dich zu sehen.«
Ma ließ ihre Wäsche in den Bottich auf der Veranda fallen und lief ihrem Mann entgegen. Abraham stieg ab und band sein Pferd fest. Er überreichte Drew die Zügel, umarmte seine Frau und tätschelte den jüngeren Kindern den Kopf.
»Habt ihr euch alle gut benommen und eurer Mutter geholfen? Mary, waren sie dir in der Küche eine gute Hilfe? James, ist der Hof in Ordnung? Du und dieser Ort seid jedenfalls ein Lichtblick für schmerzende Augen. Die Straße nimmt einen Mann ganz schön mit, seinen Verstand, weißt Du. Man weiß ja auch nie, was einem der Tag und die Meilen so bringen werden. Wie auch immer: Die Leute waren gütig und mir geht’s gut. Drew, was hast du so angestellt? Hast du die Hühner vor dem Wiesel beschützt? Hast du deinen Brüdern geholfen, das Getreide zu ernten?«
»Sieht alles gut aus, Pa. Nur eine Henne verloren, und das wegen der Tyrannen in der Schar, sie haben auf sie eingehackt, wie sie das eben so tun. Das Wiesel hat aber nicht ein einziges gekriegt. Wir hatten genug Eier zu verkaufen und ganze vier Dollar verdient.«
»Der Herr war uns in diesem Jahr mit der Farm gnädig. Und er war für mich in diesem Jahr auf der Straße ein Schutz vor den Heiden und dem Wetter. Lobet den Herrn! Gibt es denn hier etwas zu essen für einen hungrigen Mann?«
»Komm herein Pa und ich mache dir ein schönes Abendbrot«, bot Martha an.
»Gerne, meine Liebe. Ich habe einen Bärenhunger.«
Als die Dämmerung die Ecken des Zimmers verdunkelte und die Lampen angezündet wurden, versammelte sich die Familie um Pa, um seinen Abenteuern auf der Straße zu lauschen. Drew hatte sich an die Ellbogen seines Vaters gehängt und wartete darauf, dass dieser zu erzählen anfing. Er wusste, dass er ihn nicht drängen durfte. Abgesehen von der Erschöpfung, musste sich sein Vater auch erst in seinem Kopf zurechtlegen, was er ihnen mitteilen wollte und wie. Drew wusste, dass sein Vater manches für sich behielt, um seiner Familie Sorgen zu ersparen. Sie alle konnten das spüren.
»Dieses Mal, das muss ich wirklich zugeben, hatte ich ganz schön Angst. Eines Abends, es war schon spät, hatte ich das Pferd überredet, den Fluss zu durchqueren, damit ich auf der anderen Seite mein Lager aufschlagen konnte. Hinterher waren wir beide nass und erschöpft. Ich habe ein Feuer gemacht und auf einmal heulte ein Wolf. Normalerweise gibt es ja in der Gegend keine, wie ihr wisst.«
Drews Augen wurden größer und seine ungeteilte Aufmerksamkeit war auf jedes Wort seines Vaters gerichtet. Abraham fuhr fort.
»Ich war beunruhigt, ja ich hatte Angst, und doch war ich voller Vertrauen. Nun, Wölfe mögen kein Feuer. Also entfachte und versorgte ich gleichzeitig vier Feuer, um einen Schutzkreis um mich zu bilden. Dazu begann ich »On Jordon’s Bank« zu singen, so laut ich eben konnte. Klar, dass es eine lange Nacht wurde. Ich wartete darauf, zu erfahren, wer hartnäckiger war: Ich oder die Biester. Sie sangen, aber ich sang lauter. Und bevor mir die Puste ausging, sandte mir der liebe Gott den Morgen. Ich ritt ein paar Stunden weiter und konnte schließlich bei alten Freunden ein wenig Schlaf nachholen.«
»Oh Pa, solche Sachen ertrag ich nicht«, weinte Mutter halb im Ernst, »erspare uns die Details!«
»Na ja«, fuhr Abraham fort, »die Jungs sollen die Realität des Glaubens lernen – nicht aus Büchern, nicht mal allein aus der Heiligen Schrift. Sie müssen lernen, dass der Glaube etwas ist, das man zum Leben braucht. Er erfüllt dich, überwältigt dich.«
Er richtete seinen Blick auf Andrew. »Drew, ein Mann muss seine Überzeugungen leben. Anders geht es nicht. Das Leben ist zu kurz.« Er hielt für einen Moment gedankenverloren inne.
»Mir ist klar, dass einige der Leute hier im Umkreis sich wünschten, mein Predigen hätte bald ein Ende. Ich weiß, dass euch das alles sehr belastet. Ich weiß das, aber es ist etwas, das ich tun muss, eine Berufung. Da ist eine glühende Stimme in mir, die sich nicht beruhigen lässt. Sie sagt, dass die Welt, wie wir sie sehen, dieses Leben in Mühsal und Sorge, nicht alles ist, wofür wir bestimmt sind. Da ist mehr, da gibt es Hoffnung, es gibt ein Jenseits und unser Heiland zeigt uns den Weg. Er hat ihn mir gezeigt, klar und deutlich, und er drängt mich, dies auch den anderen mitzuteilen. Außerdem kann ich beim Reiten ein wenig Linderung in Körper und Seele bringen, so wie John Wesley1 es vorgeschlagen hatte.«
Pa fuhr fort: »Ein Mann kann seine innere Stimme ignorieren, aber dann stirbt er vor seiner Zeit als lebendes Gespenst. Viele hören diese Stimme niemals. Sie werden dennoch geboren und leben ein oberflächliches Leben. Drew, wir haben nicht alle denselben Weg, doch du musst deiner inneren Stimme folgen. Die Wahrheit ist zu kostbar, um sie zu ignorieren. Diese Stimme und die Gnade, die in ihr liegt, ist für einen Mann das, was der Regen für das Getreide ist. Sie erhält uns, das ist Leben. Gefahr, Mühsal bedeuten nichts angesichts der Verpflichtung, der inneren Stimme zu folgen.«
Abraham legte seinen Arm um seinen jungen Sohn. Drew senkte verlegen den Kopf.
Der Vater fuhr fort: »Ich sehe dich in den Wäldern und auf den Feldern. Ein Teil deines Verstandes beobachtet ständig und fragt nach dem Wie und Warum der Dinge. Du liest die Natur, liest sie wie ein Buch. Das wird dir von Nutzen sein. Ein Mann muss die Weisheit des Schöpfers in der Natur erkennen. In den Flüssen und Wäldern und Bergen. Und seinen Platz finden. Wenn du dir selber und deiner inneren Stimme treu bleibst, wird es dir gut ergehen. Du wirst etwas erreichen und eine Hilfe für andere sein. Ich weiß, das wird sich bewahrheiten. Ma, danke, das Abendessen war mal wieder königlich.«
»Das habe ich mehr als gerne für dich getan. Ich freue mich, dass es dir geschmeckt hat.«
Martha legte ihre Arme um den Hals ihres Mannes.
»Du weißt, du bist mein Prinz, doch ich sorge mich um dich.«
Pa küsste seine Frau auf die Wange, bevor er das Thema wechselte: »Eigentlich wollte ich es erst später anbringen, aber ich sag’s doch lieber gleich, dann hab ich es vom Herzen. Wie ihr wisst, hat die Kirche in Erwägung gezogen, eine Schule zu eröffnen, eine besser geeignete Schule, in New Market, Tennessee. Holton Seminary wollen sie sie, glaub ich, nennen. Der Vorstand des Kirchenrats fragt, ob ich im Gründungskomitee mitarbeiten würde. Ich überlege es ernsthaft. Wenn ich mich dafür entscheide, heißt das zwar Umzug, aber auch eine bessere Ausbildung für die Kinder und vielleicht nicht so lange Wege für mein Pferd und mich. Ich würde mehr zu Hause sein.«
Ma hörte nachdenklich zu. »Umzug? Wir haben zwar darüber gesprochen, dass wir vielleicht mal weiter Richtung Westen ziehen. Aber nicht so bald.«
»Ich weiß, dass es nicht so einfach ist, wie es sich anhört. Wir werden das besprechen. Ich habe meine Entscheidung noch nicht bekannt gegeben. Sie lassen mir Zeit bis Ende des Monats. Lasst uns darüber beten. Und jetzt, Drew, zeig mir deine Hühner.«
Tennessee
Holton Seminary war für Abraham ein Versuchsprojekt. Man hatte geplant, es zu einer Arbeitsschule zu machen, in der die Schüler das Land bestellten, um zum Erhalt der Institution beizutragen. New Market lag in einem Tal des Flusses Lost Creek, der tief in die Appalachen schnitt. Das Land dort war hügelig und schwer zu bestellen, genauso schwierig, wie die Hügel und Senken von Lee County, Virginia. Und die Dinge liefen nicht reibungslos.
Creed Fulton, ein Kampfprediger der Holton Conference, war als Alleinvertreter für die Geschäftsleitung eingestellt worden. Doch obwohl Bares und Bürgschaften eingenommen wurden, konnte angeblich kein brauchbares Land für eine sich selbst versorgende Schule gefunden werden. Irgendetwas lief schief. Als sich Fulton einem neuen Projekt zu wandte, eine zweite Arbeitsschule, stellte sich heraus, dass er die Landangebote einiger ansässiger Farmer zurückgehalten und ohne ersichtlichen Grund abgelehnt hatte. Die New Market School kam zum Erliegen.
Zwischenzeitlich genossen Abraham Stills Kinder eine sehr gute Erziehung. Henry Saffel, ihrem neuen Lehrer, gelang es, seine Schüler zum Lernen zu motivieren. Seine Begeisterung war ansteckend. Die Rute, mit der Drew bei Professor »Prügelberg« Bekanntschaft gemacht hatte, wurde hier nicht mehr benutzt. Lernen wurde zu einer wahren Freude.
Auch hier fuhr sein Vater damit fort, Gottes Wort zu predigen, er versuchte, die Menschen zur Einkehr zu bewegen. An einem sonnigen Sonntagnachmittag fand man ihn wie üblich unter freiem Himmel predigend.
»Und das heilige Buch, das Wort Gottes, sagt es deutlich. ALLE Menschen sind Gottes Kinder. Er macht keine Unterschiede!«
Martha und die Jungen kamen mit dem Wagen an, als das Treffen bereits in vollem Gang war. Ungefähr 75 Menschen hatten sich im Schatten einer ausladenden Eiche, mitten auf einer Weide der Simpsons, direkt vor New Market, versammelt. Abraham stand auf dem Heuwagen, der zu diesem Zweck bereitgestellt worden war. Martha beobachtete, wie die Augen ihres Mannes glühten, während er lebhaft gestikulierte und seine Seele in das Herz eines jeden, der ihm zuhörte, hineinströmen ließ.
»Sklaverei ist eine Abscheulichkeit gegenüber unseren Mitbrüdern, gegenüber Gott, gegenüber uns selbst! Sie ist wider die Natur. Haben wir jemals gesehen, dass andere Geschöpfe ihre Artgenossen unterjochen? Finden wir auch nur eine Stelle in der Heiligen Schrift, die diese Praktik rechtfertigen würde?«
Seine Worte rauschten wie ein Gebirgsbach, der über Steine strömt.
»Vielleicht werdet ihr jetzt sagen«, fuhr er fort, »dass Petrus im zweiten Kapitel, Vers 18, die Sklaven ermahnt, ihrem Herrn zu dienen, und daraus den Schluss ziehen, dass Gott die Sklaverei duldet. Doch lest weiter, meine Brüder und Schwestern. Dies ist eine Empfehlung, die den Sklaven ans Herz gelegt wird, damit diese die ungerechte Behandlung durch ihren Herrn ertragen und zu ihrer Erlösung gelangen.«
Still betonte diesen letzten Satz.
»Der Sklave wird ermutigt, seine Leiden mit den Leiden seines blutenden Erlösers zu vereinigen. Die Erlösung liegt im Kreuz, Brüder und Schwestern, ungeachtet unserer Stellung und was diese mit sich bringen mag. Und genau darum geht es hier!«
Still betonte dies mit erhobenem Zeigefinger und seine Stimme legte noch an Stärke zu, als er rief:
»Wir ALLE sind in der gleichen Lage und unterliegen der gleichen Gerechtigkeit. Das Kreuz muss angenommen und nicht auferlegt werden! Wenn wir aber nun unseren schwarzen Bruder als Sklaven behandeln in der beklagenswerten Art und Weise, in der dies so oft geschieht, nämlich indem wir ihn peitschen und treten und brandmarken, indem wir den Mann von der Frau wegreißen und die Mutter vom Kind, dann legen wir das Kreuz auf. Wir peitschen und schlagen unseren Erlöser! Wollen wir auf diese Weise handeln und dies verantworten?!«
Abraham ging ein paar Schritte auf und ab, um das Gesagte in der seinen Worten folgenden Stille auf die Zuhörer wirken zu lassen. Was sich in ihren Gesichtern widerspiegelte, war unterschiedlich, zeigte aber, dass es nur wenige gab, die nicht ergriffen waren.
»Meine Brüder und Schwestern, ist das die Art, in der wir unser Geschäft betreiben wollen? Unser Leben?! Wenn man an uns zurückdenkt? Wollen wir wirklich die Gelegenheit versäumen, uns im liebenden Opfer des Herrn zu vereinen, indem wir unser Los annehmen, statt unsere schwarzen Brüder und Schwestern zu kreuzigen?!«
Die Menge war still geblieben, angespannt. Viele davon hielten sich Sklaven, auch wenn sie keine Großgrundbesitzer waren, die dies wegen der Rauheit des Landes oder der Größe ihrer Farm tun mussten. Doch die Worte hatten gesessen. Es kamen viele Emotionen in der Versammlung auf. Bald wurde die Stille von einem Schrei unterbrochen.
»Nein, Prediger, wir wollen frei sein, wir wollen dass sie frei sind!«, schrie eine Frau aus einer der hinteren Reihen.
Ein paar der anderen, aber gewiss nicht alle, antworteten »Amen«, die einen laut, die anderen leiser.
Still fuhr nun in einem sanfteren Ton fort, ließ aber dennoch keinen Raum für einen Kompromiss. Schweißtropfen glänzten auf seiner Stirn. »Nun, ich weiß sehr gut, dass hier nicht alle mit meiner Sicht der Dinge übereinstimmen. Es besteht eine lange Tradition. Und der Schweiß des Schwarzen ernährt viele eurer Familien. Ich weiß das. Darum hört nicht auf mich, hört auf die Stimme eurer Herzen. Findet den Herrn in euren Herzen, und geht in Frieden. Gott segne euch alle! Nun lasst uns essen.«
Martha hatte, so wie die anderen Frauen auch, einen Picknickkorb für ihre Familie vorbereitet. Da es September war, gab es viel zu ernten und die Körbe waren voll mit guten Sachen. Plätzchen und Maisbrot, Brathähnchen, Maiskolben und Tomaten, eingelegtes Gemüse und Krautsalat zierten die Bett- und Tagesdecken, die unter die ausgestreckten Glieder der Rastenden gebreitet waren.
Drew lag da und schaute durch das Blätterdach nach oben, so hoch, wie er sehen konnte. Dieser Baum hat schon immer hier gestanden, dachte er. Er war schon hier, als er noch vom dichten Wald Tennessees, von seinen Brüdern wie Eichen, Ahorn und Buchen umgeben war. Nun stand er hier wie ein Wächter, der das Vieh vor Sonne und Regen schützt und Schatten spendet. Das Sonnenlicht flimmerte durch die Blätter am Ende seiner lang ausgestreckten Äste. Eine Narbe unten an seiner Seite erzählte von den Blitzen der Sommergewitter. Irgendwie erinnerte ihn der alte Baum an seinen Vater. Er war stark, standhaft und schutzspendend.
ABB. 05: DIE NATUR – STILLS UNERSCHÖPFLICHE QUELLE UND ESSENTIELLES ZENTRUM SEINER PHILOSOPHIE DER OSTEOPATHIE.
Der Junge mochte die Art, in der sein Vater die Menschen bewegen konnte. Er schien zu wissen, was er sagen musste. Seinen Pa vom Reiten und Predigen abhalten zu wollen, wäre gleichbedeutend gewesen mit dem Versuch, die Sonne zu überzeugen, am Morgen nicht mehr aufzugehen. So schien der natürliche Lauf der Dinge. Und die Sklaverei … Die Stills schienen auch ohne die schwarze Hilfe auszukommen. Sicher, die Arbeit war hart und die Winter waren manchmal mager. Einen anderen Menschen zu halten, als wäre er eine Kuh, schien ihnen dennoch nicht angebracht.
Während Drew seinen Gedanken nachhing, konnte man über dem leisen Murmeln der Gespräche, gedämpft durch das dichte Laub, das Klopfen eines Spechts hören. Drew sah seinen Vater kommen, doch bevor Abraham ihren Lagerplatz erreichen konnte, wurde er wieder in eine Unterhaltung verstrickt. Tim Green, ein Farmer, sprach den Prediger an, als dieser an einer kleinen Gruppe Männer vorbeiging, die sich mürrisch miteinander unterhielten. Drew rückte ein Stückchen näher, um zu lauschen.
»Tja, Reverend Still, für Sie scheint das ja ganz einfach zu sein. Ein paar von uns sehen die Sache aber ein bisschen anders. Sie sprechen von der Wirtschaftlichkeit. Die Dinge haben allerdings auch noch eine politische Seite. Viele von uns sind ins Grenzland gezogen, so wie unsere Vorväter in dieses Land gekommen sind, um sich selbst von der Diktatur eines Königs oder einer Regierung zu befreien. Wir wollen selbst unseren Mann stehen.«
»Ja, das bedeutet Staatsrecht, so wie ich es verstehe«, warf Burt Higgins ein.
»Natürlich ist das keine einfache Angelegenheit«, entgegnete Abraham, »doch sage ich euch, ich flehe euch an: Versucht zu sehen, dass es darum geht, das Richtige zu tun und nicht einfach das Übliche oder das, was dem eigenen Vorteil dient. Jetzt wartet aber meine Frau mit dem Essen auf mich. Bitte entschuldigt mich. Es steht ja schließlich geschrieben: Du sollst dem Ochsen, der da drischt, nicht das Maul verbinden. Und ich sehe dort drüben schon meinen Futtereimer stehen.«
Abraham klopfte Tim auf die Schulter, lächelte und ging weiter, bis er schließlich bei seiner Familie ankam.
»Gut gemacht, Pa. Aber du musst ja jetzt völlig ausgehungert sein. Da, nimm ein Stück Huhn und ein Brötchen«, bot Martha an.
»Du hast es ihnen gezeigt«, sagte Drew. Ich wünschte, ich könnte das auch.«
Abraham zauste das Haar seines Sohnes und grinste. »Du hast das Feuer in Dir, mein Sohn. Es wird eines Tages auflodern und vielleicht die Welt in Flammen setzen. Nun lasst uns einen Segen sprechen und dem Essen helfen, zu verschwinden.«
Nach zwei Jahren vergeblicher Arbeit trug Abraham sich jetzt wieder mit dem Gedanken, etwas Neues auszuprobieren.
»Ma, du weißt, dass die Regierung die Indianer westwärts geschickt hat, nach Oklahoma, Kansas und Missouri. Wir haben schon mal darüber gesprochen. Nun scheint es an der Zeit. In dieser Gegend gibt es eine Menge Seelen, die gerettet werden müssen. Die Konferenz hat, wie du weißt, verschiedene Schulen, Missionen, eröffnet. Da gibt es einiges zu tun. Ich denke, wir sollten uns daran beteiligen.«
Abrahams Gedanken setzten sich durch und die Familie zog weiter.
Soziale Gerechtigkeit
Während Dr. Still in der Vormittagssonne auf seiner Bank saß und über die Kriegsjahre nachgrübelte, hatte er einen kleinen Stock aufgehoben und daran herumzuschnitzen begonnen. Das war eine Angewohnheit, die er sich seit seiner Kindheit bewahrt hatte wie einen Kokon, der ihm als schützender Raum diente, in dem er sich aufhalten und seinen Gedanken freien Lauf lassen konnte. Als er den Blick von den herabrieselnden Spänen hob, sah er die Gestalt eines jungen Burschen, den er gut kannte, die staubige Straße herunter auf sich zukommen.
»Hallo Jeremy, wie geht es meinem Jungen heute?«
Jeremy Biggs, der einen Riemen seines Overalls schwenkte, gab ein breites Lächeln zurück.
»Was schnitzen Sie da, Sir?«
»Keine Ahnung, ich schnitze einfach.«
»Ich habe Sie das schon oft machen sehen, aber ich habe niemals gesehen, was dabei herauskam. Was machen Sie, wenn Sie an einem Stock herumschneiden? Was stellen Sie her?«
»Jeremy, ich habe bereits einen guten Spazierstock. Mir ist hauptsächlich daran gelegen, dazusitzen und nachzudenken. Das Schnitzen gibt mir den Raum, das zu tun. Die Leute denken, ich arbeite zu einem bestimmten Zweck, ich stelle etwas her, deshalb zögern sie, mich zu stören. Schnitzen schärft den Verstand und die Klinge. Meistens lasse ich lediglich kleine Späne und große Gedanken zurück. Es braucht große Gedanken, weißt du, um die Osteopathie am Laufen zu halten.«
Nach einer Pause fuhr der Junge fort: »Dr. Still, kann ich Sie noch etwas fragen?«
Still lächelte, er mochte die Gesellschaft des Jungen. Er war aufrichtig, nachdenklich, vielleicht ein bisschen zu ernst für sein Alter. »Das hast du zwar schon getan, aber frag ruhig weiter. Was hast du denn auf dem Herzen, mein Junge?«
»Dr. Still, manche sagen, Sie hätten etwas gegen diese modischen Leute aus St. Louis und aus dem Osten, die ins Krankenhaus kommen. Ist das so?«
»Nein, nicht wirklich, Jeremy. Das Leben ist nicht so einfach gestrickt. Weißt du, mein Sohn, in der Heiligen Schrift steht geschrieben: ›Sie kamen zu Jesus und sagten ›Meister, wir wissen, dass du wahrhaftig bist und dich um niemandes Meinung bekümmerst, denn du nimmst keine Rücksicht auf die Stellung der Menschen, sondern lehrst wahrhaft den Weg Gottes.‹ Mein Junge, wenn Jesus sich nicht viel aus dem Vermögen oder der Stellung einer Person gemacht hat, sollten wir dann nicht dasselbe tun, wenn wir Gottes Wissenschaft ausüben?«
Während der Junge darüber nachdachte und sich den Kopf kratzte, fuhr Still in ruhigerem, erklärenden Ton fort, »Wie du weißt, ist dieses Land nicht durch Geld und Einfluss gegründet worden. Nein, es wurde durch die Arbeit und das Herzblut des einfachen Volkes geschaffen, das diesen Ort aus der Wildnis hervorbrachte.
Wir werden uns um alle aus diesem privilegierten Volk kümmern, oder doch um fast alle – außer um die ganz Überheblichen. Doch zuallererst müssen wir uns um die kümmern, die dieses Land zu dem gemacht haben, was es ist, und um ihre Verwandten. Sie verdienen unsere besondere Aufmerksamkeit.«
Durch den veränderten Tonfall schien die Größe und Tragweite des Gesagten zu wachsen.
Nach einer Pause fragte Still, »Wie alt bist Du, mein Junge?«
»Sieben.«
»Als ich in deinem Alter war, wusste ich nie, ob oder wann ich meinen Pa wiedersehen würde. Er ritt auf und davon, um das Wort Gottes zu predigen; mit Pferd, Gewehr, Bibel und Satteltaschen. Er glaubte an das, was er tat, es war seine Berufung, die Seelen der Menschen zu bestellen, so wie sie das Land bestellten. Schnee, Schlamm, unbekannte Landschaften. Indianer unterschiedlichster Gesinnung, Erschöpfung, schwierige Wegstrecken – er ritt. Ich war etwa neun Jahre alt, als er uns, im Zuge seiner Arbeit, hinaus in die Prärie brachte. Nach Macon und in die Gegend von Missouri.
Die methodistische Gemeinde beauftragte ihn, die Kirche weiter aufzubauen und wir sind damals viel umhergezogen. Um hier herauszukommen, bahnten wir uns den Weg durch Schlamm, der die Räder unserer Wagen blockierte, als wir langsam weiter Richtung Westen zogen. Welche Wunder sind doch der Mis sissippi und die Weite der Prärie für ein Kind, das aus den Niederungen und Wäldern von Tennessee und Virginia kommt!
Als wir dort ankamen, gab es weder Schutz noch Nahrung. Ich meine, nichts, wofür wir nicht selbst gesorgt und was wir nicht selbst gesammelt hatten. Wir rodeten Land, säten, zogen Zäune, bauten bescheidene Hütten mit Fenstern aus gefettetem Papier zwischen uns und der Kälte. Im Frühjahr errichteten wir Unterstände für die Tiere und begannen langsam mit der Farm. Andere taten das Gleiche.
Land roden, Baumstümpfe mit Hilfe des Maultiers herausziehen und vieles mehr. Es gab genug zu tun, um eine Familie zusammenzuhalten. Vieles von dieser Arbeit fiel auf Mutter und uns Kinder zurück. Vater hatte ein gutes Herz. Viele kamen und verließen sich auf seine guten Absichten. Er predigte, unterrichtete, behandelte und half denen, die Hilfe brauchten. Er war sehr häufig nicht da. Mutter war daher Schutzpatronin, Mechanikerin und Bäuerin in einem. Was immer anlag, sie tat es.
Aber nicht alles war harte Arbeit. Ich war glücklich und hatte meine drei Hunde. Der alte Drummer war der zuverlässigste von ihnen. Und außerdem hatte ich ein Steinschlossgewehr. Die Rechtfertigung für einen solchen Luxus war es, eine Waldhuhn, einen Hasen oder, wenn man Glück hatte, einen Hirsch für den Schmortopf mit nach Hause zu bringen. Ich leistete einfach nur meinen Beitrag. Und die Entdeckungstouren nach genießbarem Fleisch ermöglichten es mir, Gottes Natur umfassend zu erkunden. Wie die Dinge heranwachsen, wie sie sich vermehren, der Aufbau der Muskulatur, die Form der Knochen. Außer der Struktur haben die Expeditionen mich auch den Wechsel der Jahreszeiten sehen lassen, den Zug der Vögel, das Nisten der Waldhühner und die Art, wie die Henne ihre Küken schützt – ich bekam zu sehen, wie die Natur arbeitet, wie sie funktioniert. Die Art und Weise, wie Struktur und Funktion im menschlichen Körper zusammenarbeiten, spiegelt das Zusammenwirken in der gesamten Natur wider. Mit einer auf dies und das gerichteten Schusswaffe einem Jaghund folgend begann ich also, das zu studieren, was später Osteopathie werden sollte. Tja, mein Junge, So war das damals.
Die Nachbarn arbeiteten zusammen, sie halfen sich beim Bauen, Zäune reparieren, brachten sich gegenseitig durch schlimme Winter, warnten und schützten sich vor Gefahren. In der Prärie ging es nicht ums Geld. Das Wort eines Mannes, Einsatz und Familie hielten die Gemeinschaft zusammen. Deshalb wird unsere Arbeit hier, so nehme ich jedenfalls an, nicht nur beherrscht vom Respekt vor feiner Kleidung, der gesellschaftlichen Stellung eines Menschen oder seinem Bankkonto.
Doch nichtsdestotrotz: Selbst im Krieg, waren es die Menschen, die den Unterschied machten. Nicht der Besitz oder die Stellung, nur die Menschen, die unter sich waren. Schau, wenn Leute kommen und sagen, sie wollen für die Behandlung bezahlen, ist das nur ein Teil dessen, was die Arbeit in der Gemeinschaft ausmacht. Wenn wir Geld benutzen, folgen wir den Geschäftsregeln. Aber es gibt mehr im Leben als Geschäfte. Geschäfte müssen mit dem Schöpfer und der Art, wie die Welt beschaffen ist, ausgeglichen werden.
Deshalb lebe ich nun in zwei Welten: der Welt der neuzeitlichen Geschäftemacherei und der Welt, in der die Menschen Menschen sind. Gewöhnliche Leute, wohlgemerkt, aber fleißig und aufrichtig. Vielleicht wirkt die Art, wie ich das Krankenhaus führe, deshalb für manche so befremdlich. Ich gebe mein Bestes, mein Sohn, um dem Geschäft gerecht zu werden, dabei aber im Lauf der Dinge aufrichtig zu sein zu uns, die wir alle Kinder eines Schöpfers sind. Ein Mensch sollte seinen Blick auf beide Seiten richten.«
Still erhob sich von der Bank – ein Zeichen, dass er seine Ausführungen beendet hatte.
»Macht das die Sache ein bisschen klarer?«, fragte er. »Es hat wohl mit den Lebensumständen in der alten Siedlerzeit zu tun, warum ich mehr für die Armen übrig zu haben scheine, für die Bedürftigen. Ich bin einer von ihnen, weißt Du. Also achte nicht so sehr auf die Zylinderträger. Das ist Geschäft, aber nicht Teil meiner Seele.«
Er fuhr dem Jungen durch sein braunes Haar.
»Nun komm, lass uns wieder an die Arbeit gehen, mein Junge. Wir können uns nachher weiter unterhalten.«
»Ich glaube, das macht Sinn, Sir. ›Wenn Du ein Pferd kaufst‹, sagt mein Dad immer, ›dann musst du es nach dem beurteilen, was es ist und was es kann, und nicht nach dem, was der Verkäufer sagt‹.«
Eine weibliche Stimme unterbrach die Konversation: »Jeremy, oh Jeremy, da bist du ja. Ich habe mich schon gefragt, wo du hingelaufen bist.«
Mutter Biggs, die mit dem Einkaufen fertig war, schleppte einen Haufen schwerer Schachteln. »Guten Tag, Dr. Still. Ich hoffe Jeremy hat Sie nicht gestört.«
»Nein, Ma’am, überhaupt nicht. Ein netter junger Mann. Es war mir eine Freude, seine Gesellschaft zu haben. Wir machen eines Tages einen Osteopathen aus diesem Jungen.«
»Nun Jeremy, kannst du mir zur Hand gehen?«, fuhr seine Mutter fort.
»Natürlich Ma … Einen schönen Nachmittag noch, Sir. Danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben, meine Fragen zu beantworten.«
»Es war mir eine Freude, Bürschchen.«
Nun veranlasst, an die alten Tage zu denken, setzte Still sich wieder und fuhr fort, zu schnitzen und Träumen nachzuhängen. Jeremy erinnerte ihn mit seiner Wissbegierde und seiner Vorwitzigkeit sehr an ihn selbst, als er noch jung war. Er sah sich nun wieder, wie er damals durch Wald und Flur streifte. Sein Geist tauchte hinab zu jenen ersten Tagen in Missouri. Er konnte die Stimme seiner Mutter immer noch deutlich hören.
»Junge, was hast du da? Etwas, das wir fürs Abendbrot brauchen können?«
Der elfjährige Drew legte sein Steinschlossgewehr auf den Waschtisch und präsentierte vier Hörnchen. »Die habe ich für einen Eintopf mitgebracht.«
»Ja Drew, du lernst die Regeln der Wälder. Gute Arbeit. Sie werden sich im Kochtopf gut machen.«
»Der alte Drummer hat sie aufgespürt. Ich muss nur einen Stock dort hinauswerfen und er weiß: Jetzt wird’s ernst, wir gehen auf die Jagd. Drummer ist ein guter Hund. Wann wird Pa von seinem Rundritt zurück sein?«
»Etwa in einer Woche. Ich weiß, du vermisst ihn. Ich vermisse ihn auch und wir könnten seine Hilfe bei den Zäunen und der Ernte gut gebrauchen, bevor es Herbst wird. Aber du kennst den Ruf des Herrn. Abraham Still muss reiten und predigen. Es liegt ihm im Blut. ›Söhne des Donners‹ nennen sie solche wie ihn. Sie müssen die Gottlosen und die Wilden finden, um deren Seelen vor der Verdammung zu bewahren. Aber er wird in einer Woche oder so wieder da sein, du wirst schon sehen.«
ABB. 06: ABRAHAM STILL,
als feuriger Methodistenprediger einer der bekanntesten »Söhne des Donners« seiner Zeit.
Seine pelzige Beute über die Schulter geschwungen, ging Drew zur Hütte. Es fühlte sich gut an, der Versorger zu sein, und er tat, was er konnte. Er begann, die Tiere zu häuten, auszunehmen und anzurichten. Während er arbeitete, wurde er von der Schönheit der Geschöpfe überwältigt. Das metallische Glänzen des Gewebes, das unter dem Pelz verborgen lag, die glatten, roten Sehnen der Oberschenkelmuskeln. Er staunte über die kleinen Pfoten, den weichen, eleganten Schwanz, die Nagezähne. Jeder Körperteil diente einem Zweck, die Struktur war absolut so gebaut, dass sie sich für den jeweiligen Zweck eignete. Welch vollkommene Schöpfung! Er betrachtete seine eigene Hand und bewunderte ihre Funktionalität, doch hatte er gerade nur unter die Haut sehen können, nachdem er sich mit der Axt schlimm verletzt hatte. Er fragte sich, wie es wohl in seinem Körperinneren mit den wundervollen Arbeitsabläufen aussehen möge.
Müde von der morgendlichen Jagd, ging er zu dem kleinen Eichenhain hinter der Hütte hinüber. Aus irgendeinem Grunde hatte er an diesem Morgen Kopfschmerzen. Er streckte sich in dem trockenen Staub aus, um auszuruhen. Die Erde, wie staubig sie auch sein mochte, war das Zuhause für einen Jungen. In der Nähe schwang eine Seilschaukel im Wind und schien ihm zuzuwinken. Er lehnte sich zurück und legte seinen Nacken in die Schlaufe des baumelnden Seils. Es fühlte sich so bequem an wie ein Kissen. Nicht lange darauf wachte er auf und stellte fest, dass er, dem Sonnenstand nach zu urteilen, vielleicht eine Stunde geschlafen hatte. Als er aufstand, um wieder seinen Pflichten nachzukommen, bemerkte er, dass seine Kopfschmerzen verschwunden waren.
Das alltägliche Leben auf der Farm ging weiter. Nach ein paar Tagen, so erinnerte sich der ältere Still, kehrte sein Vater zurück. Unrasiert, staubig und müde von der Reise, doch wie immer fröhlich.
In seiner Rückschau rief sich der Doktor in Erinnerung, dass die neuen Siedler die Konflikte aus dem Osten mitgebracht hatten. Und diese Konflikte verstärkten sich dann noch, als die tapferen Seelen, verrückt gemacht vom Abenteuer der Landnahme, ihre Ideen ins Extreme trieben. Das Grenzland vermittelte jedem das elektrisierende Gefühl, die Dinge nach eigenem Gutdünken handhaben zu können, da draußen in der Freiheit unter dem grenzenlosen Himmel der Prärie. Einige wollten Freiheit für alle, andere wollten die Sklaverei beibehalten. Und die Adventisten dachten sowieso, die Welt würde bald untergehen. Etwa im Jahr 1841 entzweiten sich die Methodisten über politische und ethische Fragen der Sklaverei.
Die Weißen hatten die Sklaverei aber nicht erfunden. Die Cherokees und die meisten anderen Indianerstämme hielten Sklaven als Teil der Kriegsbeute. So war es, wie Still gehört hatte, auch unter den Schwarzen in Afrika gewesen. Die Weißen zogen ihren Nutzen aus einer vermeintlich guten Sache – gut in pragmatischer, nicht in ethischer Hinsicht. Es bedeutete mehr Produktivität und ökonomische Vorteile für die Sklavenbesitzer. Sie drehten an der Profitschraube. »Söhne des Ham, des schändlichen Sohns Noahs«, nannten die anderen methodistischen Prediger sie. Habgier in jeder Hinsicht war jedenfalls das Motiv.
Der Alte Doktor sah ihn vor sich, seinen Vater Abraham, der stets ein standhafter Slavereigegner geblieben war und sich dabei auf seine Interpretation der Heiligen Schrift und der methodistischen sozialen Lehren berufen hatte. Und so war seine Familie inmitten all dieser Kontroversen gefangen gewesen.
Still erinnerte sich nun lebhaft an eine nächtliche Unterhaltung, als die Familie im Licht der Lampe aß. Wie mager, drahtig und müde war ihm damals sein Vater erschienen! Er war eben von einer Versammlung zurückgekehrt und diskutierte mit seiner Frau darüber, wie man die Kirchen Missouris wieder vereinigen könnte.
»Wie wird das ausgehen, Pa?«
»Weiß ich nicht, Sohn. Das ist nicht die Frage. Uns interessiert nicht, wer gewinnen wird, wir sind auf der Seite des Gewinners, auf Gottes Seite. Es ist nur eine Frage der Zeit. Wir müssen nur der Führung folgen, der Führung durch unser Gewissen und unsere Überzeugung. Wir leben nicht, um zu sehen, worauf es hinausläuft. Wir tun unbeirrt die Arbeit, zu der wir berufen sind. Das ist die Natur der Dinge.«
Ja, so hatte er damals gesprochen, sein Vater. Für einen Moment kehrten die Gedanken des Alten Doktors nun zurück zu seinem jetzigen Leben in Kirksville und zu all der Mühe, deren es bedurfte, um neue Ideen in eine Institution einzubringen – und das manchmal sogar, obgleich es gänzlich chancenlos erschien. In Abraham hatte ein Feuer gebrannt, das durch Widrigkeiten offenbar noch geschürt wurde. Und er, sein Sohn, hatte sie von ihm erworben, diese Kampfbereitschaft, diese Hartnäckigkeit, einen Funken Wahrheit aufzuspüren und das Feuer brennen zu lassen.
Abraham dürfte 56 Jahre alt gewesen sein, als er und seine Frau Martha 1852 in der Wakarusa-Mission, in der Nähe von Lawrence, Kansas, eintrafen, um noch einmal von vorne anzufangen. Der Großteil der Tallequah Indian Conference, fast dreitausend Mann, hatte sich der methodistischen episkopalen Kirche im Süden und damit den Befürwortern der Sklaverei angeschlossen. Nur eine Handvoll, ganze 21 Seelen, war übrig geblieben. Der Umzug war überschattet vom gleichzeitigen Brodeln der Kriegsvorbereitungen.
Angesichts der Unwägbarkeiten dieses Umzugs, ließen die Eltern Still ihre inzwischen erwachsenen Kinder mit der Möglichkeit, ihnen nachzufolgen, in Missouri zurück. Als älteres Ehepaar stellten sie sich allein dem neuen Abenteuer in einem gottverlassenen, wilden Land. Völkervertreibung, Hickhack um freies Land sowie die ungeklärte Sklaverei-Frage und die damit verbundene drohende Spaltung des Landes bildeten ein brandgefährliches Umfeld.
Für Martha waren die neuen Umstände eine ganz besondere Herausforderung. Der Indianerstamm, um den sie sich kümmern sollten, war nämlich derselbe, dessen Vorfahren drei Generationen zuvor viele ihrer Familienmitglieder massakriert hatten, als diese versuchten, sich in Abb’s Valley, Virginia, niederzulassen, und die ihren Vater, James Moore, in die Sklaverei verkauft hatten. Auch ihre Tanten Mary und Martha, ihre Namensvetterin, waren gefangen und verkauft worden. Die anderen Mitglieder der Familie, Marthas Großvater eingeschlossen, mussten mit ihrem Leben bezahlen oder wurden skalpiert, als die Indianer angesichts der stetig zunehmenden Zahl weißer Siedler versuchten, ihr territoriales Vorrecht zu schützen.
Drews Ma war damals der Überzeugung gewesen, dass der methodistische Kirchenrat sie dorthin gesandt hatte, um sie endgültig loszuwerden. Denn je mehr Kritik die Älteren des Rates an seinem abolitionistischen Standpunkt übten, desto entschlossener und unverblümter war ihnen Abraham entgegengetreten.
»Widrigkeiten«, pflegte er zu sagen, »bedeuten nicht immer, dass du dich falsch entschieden hast. Manchmal bedeuten sie auch, dass du dich genau richtig entschieden hast.«
Auf jeden Fall hatte ihm sein Beharren auf seinen Prinzipien Ungemach beschert, zu dem auch Schläge und Todesdrohungen gehörten.
Stadtgespräch
Vor dem Bahnhof von Kirksville, beim Wabash-Zugdepot, saß Juliet Stow unter einer ausladenden Eiche und wartete auf ihre Freundin Susan. Die beiden Frauen waren zusammen zum Markt gegangen, um eigentlich nur ein paar Kleinigkeiten zu besorgen. In Doneghy Brothers Lebensmittelgeschäft hatte Susan aber dann eine Bekannte getroffen und war stehen geblieben, um ein bisschen Klatsch auszutauschen. Für Juliet war das in Ordnung. Es war schön, eine Entschuldigung für eine Pause zu haben, sich hinzusetzen und dem fließenden Leben an einem heiteren Morgen zuzuschauen.
Vor etwa 20 Minuten war ein Zug eingetroffen und immer noch herrschte auf dem Bahnsteig die emsige Betriebsamkeit des Ankommens und Abreisens. Man fiel sich zur Begrüßung oder zum Abschied in die Arme, kontrollierte die mitgebrachten Koffer, richtete sich auf den Plätzen ein. Gepäckträger wurden beladen, der Lokführer schlürfte an seinem Kaffee und diskutierte die Neuigkeiten mit dem Bahnhofsvorsteher. Viele der aus St. Louis oder dem Osten angereisten Passagiere trugen elegante städtische Kleidung. Die meisten waren gekommen, um das Versprechen jener neuen Heilmethode, der Osteopathie, auf die Probe zu stellen. Einige gingen an Stöcken oder auf Krücken, aber sie alle, Jung und Alt, waren sichtlich voller Enthusiasmus und Hoffnung. Wagen des Pool Hotels lieferten die Fracht für die Pacific Express Company und nahmen Gäste und andere Besucher auf.
Juliet bemerkte mit einem Mal, wie rasch diese Stadt sich veränderte. Sie und Sherman, mittlerweile in ihren Fünfzigern, lebten schon seit etwa 5 Jahren hier, weil ihnen der Alltag auf dem Land zu beschwerlich geworden war. Sie waren einst aus Illinois gekommen, um neues Land zu besiedeln, hatten gerodet, Vieh gezüchtet, gepflügt und gepflanzt. Wie anstrengend war doch die andauernde Schufterei vom frühen Morgengrauen bis Sonnenuntergang gewesen. Tag für Tag musste Juliet Eier einsammeln, das Vieh füttern, backen, drei Mahlzeiten für eine sechsköpfige Familie kochen, saubermachen und tausend andere Dinge erledigen. Dann waren da noch das Waschen, das Jäten und Hacken, das Nähen und Flicken, das Butterrühren und Einkaufen.
Auch Sherman hatte sich in seiner Arbeit aufgerieben. Mehrmals hatte er sich zudem bei einem Sturz vom Pferd die rechte Schulter ausgekugelt. Juliet widersprach ihm daher nicht, als er beschloss, in der Stadt einen Mietstall zu eröffnen, der hauptsächlich von Angestellten geführt werden sollte. Arbeit blieb Arbeit, doch die Stadt bot zumindest ein paar Annehmlichkeiten – und die Gesellschaft anderer Frauen, die sie dort draußen so sehr vermisst hatte. Auch viele andere zogen in die Stadt. Die Wirtschaft gedieh mit den Veränderungen.
»Ganz schön was los, heute Morgen, findest du nicht?«
Susan überraschte Juliet, als sie sich so plötzlich neben ihr auf der Bank niederließ.
»Ja, das stimmt«, antwortete Juliet. »Die Klinik zieht sogar Leute aus Philadelphia und Boston an. Und letzte Woche kamen zwei Paare aus Georgia. Diese Osteopathie verbreitet sich wirklich wie Feuer in der Prärie.«
»Und ob!«, pflichtete ihr Susan bei. »Und das aus gutem Grund. In der osteopathischen Klinik machen sie unglaublich gute Arbeit. Die Bauten schießen geradezu in den Himmel und diese neue Schule bringt noch mehr Hilfe für Dr. Still hervor. Die ganze Sache erscheint einem wie ein Wunder, über das Gott seine Hand hält.«
»Hast du übrigens schon das neue Spiel gesehen, das sie jetzt spielen?«, fragte sie eifrig. ›Krücken zu verkaufen‹. Was sie sagen, ist wahr! Bei der Klinik gibt es einen Haufen Krücken zu kaufen. Man kann sie als Tomatenstangen benutzen. Sie werden von keinem ihrer ursprünglichen Besitzer mehr benötigt. Ja, ja, die Osteopathie und die American School of Osteopathy haben ganz sicher ihre Bestimmung und sind genau richtig hier, im kleinen Kirksville. Als wir 1882 hierhergezogen sind, gab es im Ort vielleicht 5.000 Seelen. Jetzt müssen es wohl viermal so viele sein, womöglich sogar noch mehr.«
»Ich erinnere mich«, fuhr sie nach einer kleinen Pause fort, »dass Mutter Ivie von diesem Burschen erzählte, den sie vor ein paar Jahren am Hotel aufgegabelt hat. Diesen Wanderarzt. Sohn eines Wanderpredigers. Sah nicht so aus, als würde er sich jemals irgendwo niederlassen und etwas aus sich machen. Er verschwand dann, glaube ich, für eine Weile nach Baldwin, wo wohl seine Frau und seine Kinder noch lebten, oder um irgendwo im Osten von Missouri zu behandeln. Damals erzählten sich die Leute, er habe seine eigene Methode und verwende keine Arzneimittel oder Elixiere. Er selbst sagte, er behandle, indem er den Körper veranlasse, so zu arbeiten, wie er nach dem Willen seines Schöpfers arbeiten soll, und dann könne er für sich selbst sorgen. Ich glaub, dieser Bursche war unser Dr. Still.«
Nachdenklich lehnte Susan sich zurück: »Kennst Du die Geschichte von dem Trinker, den er mal geheilt hat? Es war drüben in Macon. Er sprach den Mann auf der Straße an, vor dem Saloon, griff ihm an den Bauch und begann, seine Innereien durch Drehen und Kneten zu bearbeiten. Er schaute dem Burschen direkt in die Augen und sagte ihm, dass das Trinken ihn von nun an fürchterlich krank machen, ihn vielleicht sogar umbringen würde. Du weißt ja, Dr. Still hat einen sehr bestimmenden Ton; man sagt, das komme noch von seiner Zeit in der Armee. Ich glaub aber eher, dass er einfach Kraft in sich hat. Und stell dir vor: Dieser Mann, dieser Trinker, soll seitdem nie mehr auch nur einen Tropfen Schnaps angerührt haben. Ich habe gehört, dass Dr. Still die gleiche Behandlung bei einigen hier in Kirksville durchgeführt hat. Der Herr weiß, wir brauchen mehr Abstinenz. Das Trinken ruiniert so viele. Und es fängt damit an, dass sie es als Schmerzmittel nehmen, als hätten sie keine andere Wahl. Auf diese Weise geraten so viele da hinein.«
Juliet lachte leise: »Ja, ja, dieser Still vollbringt schon Bemerkenswertes. Wenn ich nur an Shermans rechten Arm denke. Den konnte er ja kaum noch bewegen. Aber nach dem, was sie in der Klinik für ihn getan haben, wird er jetzt wieder kräftiger und er kann ihn wieder zum Arbeiten benutzen. Dann werden wir Gott sei Dank auch bald unsere Schulden begleichen können. War schon ihr Geld wert, die Behandlung.« –
»Aha«, fuhr sie mit einem Blick in Susans Korb fort, »das ist also alles, was du heute eingekauft hast, Brot und Eier? Nachdem du so lange im Laden warst, dachte ich schon, du lässt sie eine ganze Kuh für dich schlachten.«
»Na ja, du weißt doch, wie das ist«, erwiderte Susan etwas verlegen. »Ich bin der Witwe Stern begegnet und die redet doch so gern. Es tut ihr gut, weißt du, sie ist so allein, seit Jesse von uns gegangen ist. Und sie hat so viel durchgemacht. Wir sollten sie mal besuchen, vielleicht mal irgendwann nachmittags. Vielleicht bittet sie uns zum Tee rein. Es ist schon so lange her, dass ich Teetrinken war. Sie ist so anständig. Gut möglich, dass sie das freut. Ich werde sie beim Gottesdienst am Sonntag sehen; vielleicht kann ich andeuten, dass wir das gerne täten. Was meinst Du?«
»Einverstanden«, stimmte Juliet zu, »aber lass uns jetzt gehen. Zuhause ist jemand, der sein Essen erwartet, und ich weiß noch gar nicht, was ich kochen soll.«
»Guten Morgen, die Damen!« Bob Bowman lächelte unter seiner breiten Hutkrempe, als sie vor Bill Parkers Rasiergeschäft stehen blieben.
»Guten Morgen Bob. Wie geht es Sally?«, fragte Juliet.
»Sie hat sich prächtig erholt; sie wird wahrscheinlich am Sonntag in die Kirche gehen.«
»Grüßt du sie bitte von uns?«
»Ja bitte mach das für uns«, fügte Susan hinzu.
Lange schaute Bob, während er darauf wartete, nach Fred Weber auf dem Friseurstuhl Platz nehmen zu können, hinüber zu dem geschäftigen Treiben am Bahnhof.
»Kaum zu glauben«, sagte er, »wie sich diese Stadt in den letzten zehn Jahren herausgemacht ist. Und das alles wegen diesem Still und der Osteopathie. Schaut euch mal den Bahnhof an, die Hotels und die Mietställe. Mrs. Stow sagt, die Osteopathie breite sich aus wie Feuer in der Prärie. Ich glaube, das trifft es sehr gut.«
Die Anwesenden nickten beifällig.
»Ich hoffe nur, dass es wie Feuer einem guten Zweck dient und dass sich niemand verbrennt«, sagte Fred.
Drüben sah Andrew Still in diesem Moment auf seine Uhr. Er stellte fest, dass es Zeit für sein Mittagessen mit Mary Elvira war und machte sich auf den Weg nach Hause. Seine Frau traf währenddessen letzte Vorkehrungen für die Mahlzeit.
»Der Kuchen ist genügend ausgekühlt, man kann ihn essen. Das Brot für den Morgen sieht gut aus. Schau zu, dass du das Hühnchen fertigbrätst, damit das Essen bereit ist, wenn Pa kommt.«
Blanche, die eben den Tisch deckte, nickte. Stolz sah Mary sich in der Küche um. Sie fühlte sich so glücklich. Nach Jahren voller Entbehrungen und Schwierigkeiten war aus Kirksville ein außergewöhnlicher Ort geworden. Ihr Mann hatte etwas aus sich gemacht, er war inzwischen anerkannt, hatte seinen Platz gefunden. Endlich ernteten sie nun den Lohn in Form stabiler Lebensumstände und eines bescheidenen Komforts. Besonders stolz war sie auf ihre Kinder, die auch an der Arbeit des Vaters teilhatten. Harry, Hermann, Charles und Blanche. Sie trauerte um Fred, der vor vier Jahren von ihnen gegangen war – was für ein tragischer Unfall, der eine so strahlend junge und liebenswerte Person aus dem Leben gerissen hatte!
ABB. 07: FAMILIE STILL, CA. 1903.
Obere Reihe (v. l. n. r): Blanche Still, »Mutter« Still, A. T. Still,
Untere Reihe, (v. l. n. r): Herman Still, Harry Still, Charles Still
ABB. 08: BLANCHE STILL, CA. 1890
Die junge Blanche bereitete ihr wirklich Freude. Sie war eine so große Hilfe – manchmal allerdings auch ein Sorgenkind. Mutter Still geriet in einen wahren Konflikt, wenn sie daran dachte, dass sich ihre Tochter verheiraten und sie mit ihr dann eine Kameradin, Helferin und Geschäftspartnerin verlieren würde. Blanche war heiter, aber ein Schlingel und eine eigenwillige Persönlichkeit. Und ihre Mutter fragte sich besorgt, ob sie wohl jemals eine Beziehung mit dem richtigen Mann eingehen würde.
Mary erinnerte sich, wie sie selbst damals den Passenden für sich gefunden hatte. Zunächst erschien er keineswegs allen ein guter Fang zu sein. Er war ein Mann aus dem Grenzland, ein Desperado, hauptsächlich damit beschäftigt, den jeweils folgenden Winter zu überleben.
Gezwungenermaßen verfügten solche Männer jedoch über ein sehr vielseitiges Können. Drew war Erfinder, Farmer, Politiker und Staatsmann, ein aufstrebender Hausarzt. Obgleich er manchmal müde und ausgezehrt wirkte, war er doch besessen von Idealen, die ihn antrieben, und von seiner Leidenschaft, Dinge ins rechte Lot zu bringen. Ein Jahr vor ihrer ersten Begegnung hatte ihn das Schicksal zum Witwer gemacht, der mit drei kleinen Kindern allein dastand. Intensiv suchte er nach einer besseren Art, zu leben, und nach einem besseren Weg, für Kranke zu sorgen. Meistens behandelte er Shawnees und seine Nachbarn, wobei er eine Mischung aus praktischer Medizin, Aderlass, Kräutermedizin und indianischen Praktiken verwendete.
Manche hielten Abstand von diesem feurigen, irgendwie wahnsinnigen Burschen. Mary dagegen hatte gefunden, dass er eine Stufe höher stand als seinesgleichen und dass er, angesichts der Schwierigkeit, mit kleinen Kindern an der Hand eine neue Familie zu gründen, Hilfe verdiente.
»Hallo, die Damen«, rief Drew als er die Gittertür aufstieß. Sie fiel hinter ihm ins Schloss.
»Hallo Pa«, erwiderte Blanche.
Still zog seinen Hut ab, als er eintrat, hängte seinen zerschlissenen Mantel an einen Haken hinter der Tür, stellte seinen Stock in die Ecke und zog seinen Stuhl heran, um sich an den Küchentisch zu setzen.
»Pa, du brauchst einen neuen Mantel!«, rief Mutter Still.
»Ja wirklich, Pa, du brauchst einen neuen Mantel! Der da entspricht nicht mehr der Mode, und auch nicht deiner Statur«, fügte Blanche hinzu.
»Meine Damen, meine Damen. Zum zweitausendsten Male: Er steht mir. Er erfüllt seinen Zweck und macht eine Aussage über Redlichkeit und Funktion, was für mich wichtiger ist als Mode oder Statur.«
»Wie auch immer, Pa, setzt dich erst gar nicht dorthin, das Essen ist fertig, komm rüber ins Esszimmer.«
»Okay, wenn du das sagst. Ihr Mädels seid so pünktlich wie die Eisenbahn. Ich könnte meine Uhr nach euch stellen. Das sieht aber gut aus. Es macht einen Mann stolz, sich einfach so zu einem solchen Essen setzen zu dürfen. Danke euch beiden.«
»So, Pa, wie war dein Morgen?«, fragte Mutter Still automatisch, aber doch interessiert, als sie die Speisen servierte.
»Wie gewöhnlich. Inzwischen hab ich so viel gute Unterstützung beim Unterrichten, dass ich nicht mehr selbst den ganzen Tag im Klassenraum stehen muss, wie ich es sonst getan habe – aber ich vermisse das fast ein bisschen, wisst ihr. Ein wenig Mitspracherecht möchte ich doch noch behalten. Ich werde mir heute Nachmittag den Anatomieunterricht anschauen und sehen, wie Dr. Bolles mit der neuen Klasse zurechtkommt. Ich glaube, sie vertritt Dr. Smith recht gut.«
Dann fiel Drew etwas ein. »Doch, ich hatte einen interessanten Fall heute Morgen in der Klinik. Eine komplizierte Verletzung, jetzt 40 Jahre alt. Ich weiß nicht, Mutter, ob du dich an die Freemans erinnerst, die da drüben bei Bucyrus gewohnt haben, in der Nähe des Pottawatomie Creek?«
»Nein, ich glaube nicht«, antwortete seine Frau, die sich mit der Hand gedankenverloren das Kinn rieb und dabei dennoch weiter auf dem Tisch herumfuhrwerkte.
»Die Freeman-Jungs haben ja damals, in diesen schrecklichen Tagen, für die andere Seite gekämpft. John Freeman war heut Morgen bei mir im Krankenhaus. Stell dir vor, er erzählte mir, dass er an dem Tag, wo ich mir mein Hinken zugezogen hab, ebenfalls am Little Blue gewesen ist. Und es war tatsächlich er, der auf mich geschossen hat.« In seiner typischen Art spielte Still den Vorfall herunter. Der Doktor fuhr damit fort, sein Essen methodisch und sorgfältig zu kauen, während Ma und Blanche begierig auf das nächste Wort warteten, sich aber bemühten, es sich nicht anmerken zu lassen. Ohne die Köpfe zu heben, tauschten sie verstohlene Blicke.
Mutter Still war immer noch traurig darüber, dass man Drew – mit der Begründung, er sei Mitglied einer freiwilligen militärischen Einheit und nicht Berufssoldat gewesen – für seine Verletzungen keine Kriegsversehrten-Rente zugestanden hatte.
Nachdem sie allen bereits mehrmals ihre Empfindungen in dieser Sache mitgeteilt hatte, hielt sie im Moment mit ihrer Meinung zurück. Doch sie würde fortfahren, an den Innenminister zu schreiben.
»Es war gut, sich die alten Tage wieder vor Augen zu rufen und sie dann wieder zu begraben«, fuhr der Alte Doktor fort. »Freemans Brüder sind damals alle den Kugeln erlegen. Dass wir noch hier sind, ist, glaube ich, einfach Glück oder vielleicht der Wille des Höheren.« Still aß weiter und hielt dann inne, um etwas Wasser zu trinken. »Ich habe versucht, seinen Körper und seinen Geist von den Nachwirkungen jener oder späterer Geschehnisse zu befreien. Es sollte ihm nun besser gehen. Ich werde Ende der Woche nach ihm sehen.«
Still saß da, machte eine lange Pause beim Reden und Essen und sah aus, als schaue er einen Moment lang zu einem entfernten Ort. »Die Hand des Allwissenden war damals über uns allen. Wir haben nur nicht verstanden.«
Gleich danach sagte er: »Prima Essen, die Damen, wie immer. Vielen Dank. Jetzt muss ich wieder zu meinen Pflichten zurück. – Ach ja, Mutter, ich denke, irgendwann in der nächsten Woche gehe ich noch mal rüber zu Sol Morris’ Farm, um weiter an diesem Buchprojekt zu arbeiten, wenn es dir nichts ausmacht. Mir sind da noch ein paar Dinge eingefallen, die ich einfügen möchte, und Ma Morris ist mir wirklich eine große Hilfe beim Zusammensetzen meiner Gedankenschnitzel.«
»Das ist in Ordnung, Pa. Mach nur. Ich weiß, wie wichtig das Buch ist und was es dir bedeutet. Also mach weiter.«
»Dann sehen wir uns zum Abendbrot.«
Missouri
Still trat auf die Veranda hinaus, setzte seinen Hut auf, nahm auf der obersten Stufe Platz und zog die Schnürsenkel seiner hohen Stiefel fest. Dann rückte er seinen Hut zurecht, nahm seinen Stock, stand auf und ging zum Krankenhaus zurück.
Die Gespräche am Morgen hatten so viele Erinnerungen wachgerufen und sie strömten immer noch auf ihn ein. Er dachte zurück an die Zeit in Missouri, vor dem Umzug nach Kansas im Jahre 1853. Seinem Vater folgend hatte er seinerzeit versucht, ein wenig Heilkunde zu erlernen. Heimlich schmökerte er in Gunn’s New Physician und Home Book of Health, die seinem Bruder Edward gehörten. Letzteres Standardwerk begleitete die Siedler damals überallhin, manche nutzten es nur gelegentlich, andere für ernsthafte Studien. Still erinnerte sich an die darin empfohlene Mischung aus Allgemeinmedizin und blindem Einsatz starker Chemikalien. Wenn Mutter Martha an langen Winterabenden am Feuer strickte, warf der junge Drew verstohlene Blicke in Edwards Buch und las darin so viel, wie er nur erhaschen konnte.
Er erfuhr in jener Zeit auch, dass der Umgang mit Feuerwaffen nicht nur der Nahrungsbeschaffung diente, sondern auch dem Schutz vor politischer Drangsalierung. In diesem Bewusstsein übte der junge Mann, um sowohl seine Treffsicherheit als auch seine reiterischen Fähigkeiten zu verbessern.
Drews inneres Leben schien ein Durcheinander zu sein, als er in die Konflikte, die er von seinem Vater geerbt hatte, hineingezogen wurde. Der Methodismus verlangte von einem Mann, dem Wort treu zu sein, soziales Engagement zu zeigen und für seine Nächsten zu sorgen. John Wesley hatte über all das geschrieben. Daher war es für seinen Vater die natürliche Berufung, das Verarzten von Kranken und das Predigen miteinander zu verbinden. Und so kam es, dass Abraham dem jungen Andrew nicht nur seine landwirtschaftlichen Kenntnisse, seinen Glauben und seine abolitionistische Einstellung, sondern auch sein medizinisches Wissen in Theorie und Praxis vermittelte. Später saß Drew dann in einigen Vorlesungen am Kansas City College of Physicians and Surgeons.
Im natürlichen Lauf der Dinge zog der schneidige junge Drew schließlich die Beachtung von Philemon Vaughn’s Tochter Mary auf sich. Das Haus der Vaughns war in Zeiten schwadronierender Banden von Sklavereiverfechtern Sammelpunkt und Zufluchtsstätte für Familien geworden, die gegen die Sklaverei eintraten. Nicht nur einmal trafen sich dort Menschen aus der Umgebung von Baldwin und Lawrence, um der zu erwartenden Ermordung zu entgehen. Bei einer solchen Gelegenheit trafen sich Andrew und Mary. Er war von ihrem Anstand beeindruckt, aber auch von der tiefen Aufrichtigkeit und Weisheit in ihren Augen und begann sich vorzustellen, dass sie die Gefährtin sein könnte, die er für dieses raue Leben brauchte. Ihr wiederum gefielen seine Energie und die Entschlossenheit seiner stählernen Augen unter den scharfen Brauen.
Vaughn war selbst ein Prediger und konnte daher das Paar trauen. Am 29. Januar 1849 heirateten Drew und Mary, wurden Gefährten und Seelenverwandte in einem neuen, aber hartem Leben. Das Paar erwarb 80 Morgen Land und errichtete eine Meile von Stills Elternhaus entfernt ein Blockhaus.
Verglichen mit den Felshängen Virginias ließ sich dieses Prärieland wunderbar bestellen. Der Mutterboden war tief. Hier herrschten die hohen Gräser vor: der große und kleine Blauhalm und das Büffelgras. Tick Weed, Goldrute und Sonnenhut färbten die Landschaft. Die Luft war erfüllt vom Gezwitscher der Ohrenlerche und des Lerchenstärlings und von den Flötentönen des Bobo-links. Die gehaltvolle Krume war so dick, dass ein Mann nicht bis zu ihrem Grunde vorstoßen konnte. Nur an Flusseinschnitten sah man Lehm oder Kiesel. Und doch war dies nicht der Garten Eden. Das Grasland gab zwar gutes Weideland ab, doch die meisten Teile wurden von großen Eichen besiedelt, deren ausladende Kronen den Boden beschatteten. Um pflügen zu können, musste man sie entfernen, was eine Herkulesarbeit war. Die Stümpfe ließen sich zwar niederbrennen, wodurch dann aber alles Übrige verhärtete. Sie wegsprengen war teuer, sie ausgraben und herausziehen geradezu mörderisch schwer. Doch ein gerodetes Feld bedeutete eine Investition in die Familienzukunft und war mehr wert, als Bares auf der Bank.
War das Land erst gerodet, wurde es gepflügt und bepflanzt. Drew besaß ein einziges Maultier, das war alles, was das Familienbudget zuließ. Die Anschaffung war eine Sache, aber der Unterhalt eine ganz andere. Die Sommerweide kam billig und ließ den Hof gepflegt aussehen, aber im Winter, wenn das Heu knapp wurde, vertilgte das Maultier an einem Tag so viel Getreide wie die Kinder in einer Woche. Und Getreide, herangezogen mit einfachen Methoden, war kostbar.
Unter großer Mühe konnte das wilde Land gezähmt werden. Das Wetter jedoch nicht. – Der Gedanke an das Wetter rief den Alten Doktor zurück in die Gegenwart. Während er sinnierend dasaß, war die Sonne höher gestiegen. So wie sich der Sommer in Missouri heuer anlässt, wird er heiß werden, dachte er. Seit drei Jahren war das nun so. Er fragte sich, wie es den Farmern in diesem Jahr wohl ergehen würde.
Er erinnerte sich an seine erste Ernte, an den Stolz, mit dem er sorgfältig pflügte und pflanzte, Reihe um Reihe, drei Morgen pro Tag, bis die ganzen 60 Morgen fruchtbaren Landes bestellt waren und auf den Regen warteten. Der ersehnte Regen kam auch. Die Keime wurden zu Setzlingen und reckten sich unter der Sonne dem Himmel entgegen. Am 4. Juli kehrte der Regen zurück, doch dieses Mal ballten sich die Wolken zu einer schrecklichen Schwärze zusammen, die auf einen schweren Sturm hindeutete. Der Wind blies kräftig aus dem Westen. Dann kam der Regen … schließlich der Hagel, der schrecklich prasselnde, schlagende Hagel. Innerhalb von 15 Minuten waren die schweißtreibende Arbeit von drei Wochen, die monatelangen Erwartungen und die Investitionen ins Saatgut zunichte gemacht. Trotz großer Hoffnung und heldenhaftem Einsatz würde es in diesem Herbst keine gute Ernte geben, überhaupt keine Ernte. Drew würde wieder als Lehrer an die Schule zurückkehren müssen, um seine Frau und sein Vieh durch den Winter zu bringen.
Der bemerkenswerteste Aspekt seines neuen Lebens mit Mary war die Intimität dieses ersten Winters gewesen. Drew spürte noch jetzt die Besonderheit des Zusammenseins, die Wärme und Zärtlichkeit einer nächtlichen Gefährtin. Ihr einsamer erster Start in diese raue Welt machte sie zu Seelenverwandten. Die Mühsal des Tages wich an der glatten warmen Schulter, unter dem beruhigenden Lächeln und den zärtlichen Worten. Der Duft ihres Haares, die Essenz ihres Seins vermischten sich mit seinen Gedanken und Träumen. Still hatte sich selbst für einen spirituellen Menschen gehalten, geprägt von den Predigten und Gebeten seines Vaters. Doch hier, mit Mary, begann er von anderen spirituellen Dimensionen so ahnen.
Die geschlechtliche Vereinigung beförderte ihn auf eine andere Ebene. Doch über alle Gefühle hinaus verwandelte sie ihn als Person, ließ ihn eins werden mit einem anderem Wesen – mit Mary, seiner Frau. Er wurde zu mehr, als er es allein gewesen war. Es war, als würden sie Wissen ohne Worte austauschen und als stellten sie sich den Herausforderungen, indem sie das Bewusstsein des anderen nutzten. Auch wenn sie Meilen voneinander entfernt waren, konnte er die Ermutigung, das Verständnis, die unterstützende Präsenz seiner klugen und sensiblen Frau spüren. Ungeachtet der Entfernung sprach er mit ihr, unterhielt sich mit ihr.
Das geistige Leben, das Still als einen Zustand des Einsseins mit der Natur, des kontemplativen Gebets zu schätzen gelernt hatte, weitete sich nun von einer Ebene des zunehmenden Bewusstseins zu einer reichen Landschaft. In dieser Landschaft waren er und Mary Gefährten, die das Leben gemeinsam in einer Dimension entdeckten, die ein Leben lang fortbestehen sollte.
Ihre gemeinsame Reise ging weiter, dauerte Tag um Tag. Eine Mühsal schien auf die andere zu folgen. Jeder Tag in der Prärie war hart und lang. Gemeinsam als ein Team und mit Hilfe der Nachbarn brachten Drew und Mary ihren Hausstand voran, schenkten drei Kindern das Leben und adoptierten ein fremdes. Drew hatte ein paar medizinische Grundlagen von seinem Vater erlernt, der ihm das weitergegeben hatte, was er wusste. Er erwarb sich einen guten Ruf durch seine Art der Pflege und Betreuung. Seine Intuition war frappierend. Manchmal sah er einen Hilferuf voraus und begab sich zum Haus eines kranken Nachbarn, noch bevor dieser ihn gerufen hatte. Tod, Verletzung und Krankheit überschatteten ebenso wie Frost und Sturm das Leben der Siedler. Drew wurde oft gerufen. Das Leben im Grenzland eignete sich nicht für Schwache. Es bot ständige Herausforderungen für jene, die – wovon auch immer – in dieses Abenteuer, genannt »der Westen«, getrieben wurden.
Und so kamen 1853 der mittlerweile 25-jährige Andrew und sein Bruder Edward ihren Eltern folgend nach Kansas. Drew war nun Mediziner, Soldat und Ehemann.
Das Schicksal seiner Familie entfaltete sich vor dem Hintergrund politischer Unruhen. Die Spannungen über die Bedingungen einer künftigen Eigenstaatlichkeit von Kansas, die sich zumeist um die Sklaverei-Frage drehten, erschwerten das Leben, das ohnehin genug Unannehmlichkeiten bereithielt, noch mehr. Meinungsverschiedenheiten führten zu Gewalt und die Gefahren im Grenzland vervielfachten sich.
ABB. 09.: KANSAS STATE LEGISLATIVE,
bei einem Jübiläumstreffen, ca. 1895 mit A. T. Still (links außen)
Drew selbst wurde 1857 in die Gesetzgebungskommission von Kansas gewählt, um Douglas County als Freistaat zu vertreten. Im Januar wurde eine zweite innerstaatliche Versammlung einberufen, um sich im Amtsgericht von Lecompton zu treffen und die Verfassung des Staates neu zu beschließen. Viele hatten der im Jahr davor verabschiedeten Verfassung widersprochen. Die Lecompton Constitutional Assembly markierte ein Aufeinanderprallen unterschiedlicher politischer Bestrebungen. Lecompton, obgleich mitten in einer Region gelegen, in der Pro-Sklaverei-Stimmung herrschte, war dazu auserkoren worden, ihre Arbeit, so gut es ging, zu legitimieren. Es war zwar der Ort, an dem Landansprüche registriert und Anhörungen vor dem Amtsgericht gehalten wurden, trotzdem wurden aber die Abgeordneten, als sie am Vorabend der geplanten Versammlung in der Stadt ankamen, herausgefordert.
»Warum seid’n ihr hier?«, provozierte Richter Elmore, ein bekannter Führer der Sklaverei-Befürworter.
»Jim Lane hat mich geschickt«, gab ein entschlossener Drew Still den Ball zurück, indem er sich auf den Kommandanten der regionalen Union bezog.
»Was wollt’n ihr machen?«, fragte Colonel Young, der bei einem scheinbar zufälligen Zurückschlagen seines Mantels sein Jagdmesser präsentierte, und steckte seine Daumen in seinen Gürtel.
»Was auch immer Jim Lane gemacht haben will«, gab Still mit entschlossenem Blick zurück.
Ein junger Mann, Mr. Warren aus dem Osten, zog Drew beiseite, um ihn darüber in Kenntnis zu setzen, dass diese Männer unter Verwendung ziemlich übler Schimpfwörter, über die Notwendigkeit gesprochen hätten, einen von diesen »verdammten Narren, verdammten Niggerdieben« im Zuge der politischen Zweckdienlichkeit zu töten. Still antwortete ihm, indem er seinen Mantel zurückschlug, um ein Paar Revolver zu zeigen, die bereit waren, ihr eigenes politisches Statement abzugeben.
»Ich danke dir für deine Besorgnis«, sagte er. »Sollte ich dich brauchen, werde ich dich rufen.«
Dann nahm er den vorherigen Dialog wieder auf, behielt dabei aber alle Sklaverei-Befürworter im Blick und achtete auf kleinste Bewegungen.
»Um mich klar auszudrücken: Wir beabsichtigen, jedes Glied der Kette der Sklavereibefürworter zu zerschlagen. Wir tun alles, was Jim Lane fordert, um Kansas freizumachen für alle: kein Herr, kein Sklave.«
Die Gesichter der ihm gegenüber Stehenden verfinsterten sich mit jedem Wort; die Männer waren fassungslos angesichts solcher Dreistigkeit. Es gab keine Gelegenheit, darauf zu antworten. Still behielt in diesem Diskurs die Zügel in der Hand.
»Last mich euch sagen«, fuhr Still fort, »dass Gott auf unserer Seite ist und dass ich spüre, dass die Engel kommen, sie werden bald mit uns sein.«
Die Menge der Befürworter der Sklaverei wuchs, sie dachten jedoch, sie hätten es mit einem Betrunkenen zu tun.
»Bist du noch bei Verstand, Still? Oder bist du betrunken? Hört ihm mal zu, der ist verrückt!«
Still fuhr ruhig fort: »Ich kann schon fast den Atem der Engel riechen. Ich höre das Rascheln ihrer Flügel!«
Richter Elmore war am Ende und seine Gefährten wurden unruhig. Still, der von einem zuvor gefassten Plan wusste, hatte sich, was das Timing seiner Antwort betraf, auf die militärische Pünktlichkeit verlassen. Nun zeigte er auf eine Kolonne von 700 Mann, die unter Lanes Kommando über den Hügel in die Stadt marschierten. Er ließ die Sklavereibefürworter, die schimpften und gafften, stehen und ging mit einem Grinsen hinüber, um seine Kameraden zu begrüßen.
Später an diesem Abend, als sie die Bedeutung des Timings verstanden hatten, verabschiedeten die Befürworter der Sklaverei ihre eigene Pro-slavery Constitutional Convention. Typisch für das Durcheinander dieses Tages war, dass 300 von den 700 Teilnehmern Delegierte aus den freistaatlichen Gemeinden waren, die den Prozessverlauf beobachten wollten. Die Prozesse verliefen planmäßig, bis ein Teilnehmer anfing, über »diese abolitionistischen Hurensöhne« zu schimpfen. Es folgte eine wahre Flut von Beleidigungen, die nicht enden wollte. Schließlich erhob sich Hauptmann Walker, der abolitionistischer Gesinnung war, und schrie: »Nimm das zurück, verdammt noch mal!«
Pulsuz fraqment bitdi.